Demografie = Schwarzmalerei

Die „demografische Entwicklung“ oder auch Demografischer Wandel genannt – ein politisch missbrauchter Begriff wird weiter gepflegt und entpuppt sich als Kaffeesatzleserei.

Die von der Politik zum Naturgesetz erhobenen Modellrechnungen über die Bevölkerungsentwicklung stellen sich als „moderne Kaffeesatzleserei“ heraus.

Die „Prognosen“ dienten und dienen bis heute vor allem als ein politischer Hebel für einen radikalen Sozialabbau.

Nehmen wir also jetzt aufgrund der neuen Bevölkerungszahlen, die aufgrund der „demografischen Entwicklung“ politisch als „alternativlos“ betrachteten Einschnitte in die Rente oder das Gesundheitswesen wieder zurück?

Oder machen wir so weiter wie bisher und benutzen die beruflich gut qualifizierten Zuwanderer nur als „Reservearmee“, damit die Löhne weiter gedrückt werden können?

„Deutschlands Bevölkerung nimmt seit 2003 ab. Dieser Rückgang wird anhalten und sich verstärken. Ende 2008 lebten circa 82 Millionen Menschen in Deutschland. 2060 werden es zwischen 65 Millionen (bei jährlicher Zuwanderung von 100 000 Personen, Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) und 70 Millionen (bei jährlicher Zuwanderung von 200 000 Personen, Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) sein. Auch nach der Variante mit der maximal zu erwartenden Bevölkerungszahl – sie unterstellt eine steigende Geburtenhäufigkeit, einen hohen Anstieg der Lebenserwartung und einen jährlichen Wanderungssaldo von 200 000 Personen – würden 2060 in Deutschland etwa 77 Millionen Menschen leben und damit weniger als heute.“ So hieß es in der jüngsten „Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009 (S. 12) [PDF – 1 MB].

Solche und teilweise noch mehr dramatisierende frühere Vorausberechnungen bestimmten jahrelang die politische Agenda und diese „Berechnungen“ wurden als Untergangszenarien missbraucht.

Für den politischen Medien-Mainstream war der Rückgang der Bevölkerung und dabei vor allem das geringe Nachwachsen junger (erwerbsfähigen) Menschen der tragende Grund und der politische Hebel für den „Abbau“ der sozialen Sicherungssysteme. Der Abbau der gesetzlichen Rente wurde damit begründet und die Rente mit 67.

Auch die sog. Gesundheitsreformen basierten auf den Kalkulationen, dass der Bevölkerungsrückgang und die „Überalterung“ (!) zwingend zu Einschnitten bei den Versicherungsleistungen und zu mehr „Eigenverantwortung“ (sprich: Eigenbeteiligung, Beispiel Riester-Rente) führen müssten.

Die Methode ist immer die Gleiche. Man malt demografische Horrorszenarien an die Wand. Man greift eine Zahl über einen möglichst langen Zeitraum heraus und rechnet sie hoch. Man BIP, die Löhne etc. heraus.

Da wird frech behauptet, die Sozialversicherung würde vom Staat bezahlt, der ja sparen müsse, obwohl in Wahrheit Rente, Krankenversicherung und Pflegekosten von den Arbeitnehmern selber bezahlt werden und der Staat draufzahlen muss (z. B. “Grundsicherung im Alter”), wenn Menschen zu wenig Rente haben.

Weitere Hetzkampagnen wie “Im deutschen Sozialsystem muss es Einschnitte geben. Die Vergreisung lässt keine Wahl: Die Deutschen werden den Gürtel künftig noch enger schnallen und wohl noch länger arbeiten müssen. Nur ein scharfer Sparkurs kann den gegenwärtigen Wohlstand halten.”
Besonders “witzig”, dass “die Deutschen” durch “Gürtel enger schnallen” den “Wohlstand halten” können sollen, den sich doch in Wahrheit durch den “scharfen Sparkurs” verlieren… Weniger witzig, dass in Wahrheit Löhne und Sozialleistungen dramatisch steigen müssen, um die Schäden durch eine völlig falsche Wirtschaftspolitik in den letzten Jahrzehnten wenigstens ein bisschen abzumildern. Es ist zum Verzweifeln, dass sich in der Politik sicher auch für diesen geistigen Müll dankbare Abnehmer finden werden.

Fazit: Entscheidend ist die Produktivität der Arbeit. In vor-industriellen Zeiten war die Versorgung der Alten in der Tat unmittelbar abhängig von der Anzahl der tätigen Hände. Daher war der Kinderreichtum auch eine Überlebensfrage. Wir leben aber nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer hoch entwickelten Industriegesellschaft. Und die ist gekennzeichnet durch eine enorme Steigerung der Produktivität, durch Einsatz moderner Maschinen und die Automatisierung von Arbeitsabläufen. Wir haben nicht etwa ein Mangel-, sondern vielmehr ein Überflussproblem.

Überfluss…?

Damit ist gemeint, dass genug Produktivität und Wohlstand für alle da wären – wenn die gesellschaftliche Ordnung mehr den Menschen und weniger dem Profit diente.

Was die Alterssicherung betrifft können wir uns also ganz auf die Produktivitätssteigerung verlassen?

Jain! Und zwar deshalb, weil, wie gesagt, das Erwirtschaftete eben sehr ungleich verteilt wird. Das hängt damit zusammen, dass wir – vereinfacht gesagt – zwei Gruppen von Erwerbstätigen haben: Die einen sind lohnabhängig und leben von ihrer Arbeit, die anderen sind selbständig und leben vom Warenumsatz ihrer Unternehmen bzw. von ihren angehäuften Vermögen.

Der Rentenanspruch der Lohnabhängigen richtet sich bekanntlich nach deren Beschäftigungszeit und Lohnhöhe. Und da die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen um so besser ist, je niedriger die Lohn- und Lohnnebenkosten sind, haben die abhängig Beschäftigten es hier schwer, an dem von ihnen erwirtschafteten Wohlstand leistungsgerecht teilzuhaben – sowohl während ihrer Erwerbstätigkeit als auch danach. Hier hat die Schere zwischen Arm und Reich ihren Ursprung.

Insofern ist die Betrachtung von jungen „Erwerbsfähigen“ auf der einen und alten „Nicht-Mehr-Erwerbsfähigen“ auf der anderen Seite generell ungeeignet zur Erklärung der Lastenverteilung in unserer Gesellschaft.

Die Kostenproblematik in der Privatwirtschaft führt dazu, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden und der Lohndruck steigt. Mit der digitalen Revolution wird sich diese Entwicklung noch erheblich verschärfen. Unter diesen Bedingungen haben wir tatsächlich ein Versorgungsproblem – ganz unabhängig allerdings von Jung oder Alt: „Es ist nicht mehr genug Arbeit für alle da!“, heißt es da. Denn von der enormen Produktivitätssteigerung profitieren eben nicht alle. Immer weniger Erwerbsfähige erhalten die Chance auf einen Arbeitsplatz bzw. auf einen existenzsichernden Lohn. Gleichzeitig konzentriert sich der Wohlstand in den Händen großer Unternehmerfamilien, von Shareholdern, Spitzenmanagern, Bankern und Finanzjongleuren. Und zwar nicht nur während ihrer aktiven Zeit, sondern auch danach.

So war etwa gerade zu lesen, dass der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dieter Zetsche, mit einer „Rente“ von 35 Millionen Euro in den Ruhestand gehen wird. Wer lebt in diesem Lande also auf wessen Kosten?, frage ich Euch.

Wir haben demnach kein demografisch bedingtes Versorgungsproblem, sondern eine soziale Spaltung, die quer durch alle Altersgruppen verläuft.

Die ungleiche Teilhabe aufgrund unterschiedlicher Einkommensquellen führt quasi zu Parallelgesellschaften. Die Gewinner dieses Wirtschaftssystems schicken ihre Kinder auf Privatschulen und Elite-Unis. Die Kinder der anderen müssen mit öffentlichen Schulen und Massen-Unis Vorlieb nehmen, die aufgrund leerer Staatskassen in einem immer trostloseren Zustand sind. Entsprechend gegensätzlich sind auch die Berufsperspektiven. Auf die einen warten gut dotierte Leitungspositionen, während die anderen der Eigendynamik eines flexibilisierten Arbeitsmarktes ausgesetzt sind. Und die propagierte Privatvorsorge fürs Alter ist für die einen eh kein Problem: Sie dürfen sich auf einen angenehmen Lebensabend in der eigenen Villa oder wenigstens in einer privaten Senioren-Residenz freuen. Auf die anderen warten Altersarmut und Pflegeheime mit überlastetem Personal.

Ich sehe die Demografie-Debatte als reines Ablenkungsmanöver, um die Öffentlichkeit zu täuschen.

Unsere sogenannten Demografie-Experten ignorieren mit ihrer eingeschränkten Sicht auf die nackten Bevölkerungszahlen die realen Lebensverhältnisse und kommen so zu der dümmlichen Diagnose, die Alten würden die Jungen ausbeuten. Sie liefern damit die Legitimation zu einer massiven Rentenkürzungspolitik, die junge wie alte Kleinverdiener dann gleichermaßen trifft. Was ist das anderes als Volksverdummung oder Demagogie, die auf eine gewisse Plausibilität setzt und damit Breitenwirkung erzielt? Derlei funktioniert bedauerlicherweise immer wieder ganz gut, wie wir aus der Geschichte wissen.

Damit meine ich, die Propaganda mit der „Überalterung“ gab es schon zu NS-Zeiten. Am Ende der Weimarer Republik legte beispielsweise ein gewisser Friedrich Burgdörfer, damals Abteilungsleiter beim Statistischen Reichsamt in Berlin und renommierter Bevölkerungswissenschaftler, mit einem Standardwerk von 1932 eine der pseudo-wissenschaftliche Grundlagen für die NS-Ideologie. Das Buch hieß bezeichnenderweise „Volk ohne Jugend – Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers“. Er prognostizierte damals, man höre und staune, eine Verdopplung der Zahl der Rentner bis 1975 – was schließlich dazu führen würde, dass dann zwei Erwerbstätige einen Rentner mit ernähren müssten! Die Alten würden damit zu einer Last für die Jungen!

Wir sehen, es ist dasselbe Bild, das uns auch heute wieder entgegengehalten wird. Und wir wissen, dass diese düstere Prognose damals schon falsch war. Die für die 60er und 70er Jahre vorhergesagte „Überalterung“ vertrug sich nicht nur gut mit steigenden Renten und verkürzter Lebensarbeitszeit, sondern beide waren sogar tragende Säulen der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft.

Aufgabe der amtlichen Statistik ist es, verlässliche Daten zur Bevölkerungsentwicklung zu erheben und zu veröffentlichen. Und das tut sie auch. Aber mit den sogenannten Vorausberechnungen wird diese Entwicklung dann auf Jahrzehnte hinaus verlängert und zugespitzt und lässt sich von interessierter Seite wunderbar als Grundlage für Horrorszenarien politisch missbrauchen.

So reicht beispielsweise die amtliche „12. Koordinierte Vorausberechnung“ [PDF] bis ins Jahr 2060! Gerd Bosbach, engagierter Statistikprofessor und den Lesern der Nachdenkseiten wohl bestens bekannt, hat hier bereits darauf hingewiesen, dass das einzig und allein Kaffeesatzleserei ist.

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