Armes reiches Land

Über Konsumklima und pralle Staatskassen wird jubiliert, doch unten kommt immer weniger an. Die soziale Frage zu stellen ist nötiger denn je!

Ein Tunnelblick ist nötig, um in diesen Tagen im schönen Schein der Weihnachtszeit zu schwelgen. Wer glaubt noch an die Mär vom ach so reichen Land, wenn zwischen glitzernden Schaufenstern und heimeligem Budenzauber obdachlose Menschen ihre Schlafsäcke ausrollen? Bei den Verbrauchern – so wird der Teil der deutschen Bevölkerung genannt, der jenseits von Lebensbedarf und Miete weiteres Geld ausgeben kann – herrscht zum Jahresende Hochstimmung, jubilierten die Marktforscher der GfK am Freitag in Nürnberg. Sowohl Konjunktur- als auch die Einkommenserwartung hätten im Dezember noch einmal ordentlich zugelegt. Und die Steuereinnahmen treiben Regierungspolitikern Freudentränen in die Augen. Sie sind so hoch, dass – gepaart mit den Folgen von Niedrigzinspolitik und Wirtschaftsboom – die Schuldenuhr in Berlin seit Freitag erstmals in ihrem 22jährigen Bestehen rückwärts läuft. Dies sei jedoch nicht auf eine aktive Politik zurückzuführen, sagte der Chef des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel. Was hätte man auch anders vermutet – das Trauerspiel der geschäftsführenden, also nichts tuenden, Bundesregierung ist schließlich notorisch.

Die Staatskasse ist prall gefüllt, doch nach unten dringt immer weniger durch. 3,2 Millionen Menschen in diesem Land können mit nur einem Job nicht mehr existieren und brauchen mindestens einen zweiten. Deren Zahl hat sich seit 2003 verdoppelt. Und die, die die Kassen zum Klingeln bringen, haben oft nichts von den freien Tagen zum Jahreswechsel. Die Zahl der Lohnabhängigen mit Sonn- und Feiertagsarbeit ist binnen 20 Jahren um drei Millionen auf knapp 9,3 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen, meldete dpa am Freitag.

Ganz unten angekommen sind 52.000 Menschen, die auf den Straßen leben müssen. Mindestens drei von ihnen sind in diesem Jahr bereits aufgrund der Kälte verstorben – in Freiburg, Schwerin und Hannover. Und es werden mehr – 860.000 haben laut BAG Wohnungslosenhilfe keine feste Bleibe, können sich aber noch irgendwie durchschlagen. Dabei geht es zehn Prozent der Deutschen bestens, sie beziehen 40 Prozent des Gesamteinkommens. Die untere Hälfte der Bevölkerung dagegen nur 17 Prozent. Die Schere zwischen Armen und Reichen klafft auseinander wie seit hundert Jahren nicht mehr, fanden Forscher um den Ökonomen Thomas Piketty kürzlich heraus. Voller Vorfreude sind jedenfalls die Marktforscher von der GfK – sie sehen »exzellente Voraussetzungen« für ein »überaus erfolgreiches Konsumjahr 2018«. Den schönen Schein kann nichts erschüttern.

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