Regional – Ahrtal

Absurdität der Notwendigkeit – SPD Schamland

SPD-Kreistagsfraktion besucht Ahrweiler Tafel und trifft dabei auf ihre eigene reale Wirtschafts- und Sozialpolitik. Mit der Agenda 2010 hat sich Deutschland vom Anspruch eines Wohlfahrtstaates mit einem eigenständigen Recht auf (monetärem) Schutz gegen soziale Risiken weitgehend verabschiedet und eine Bedürftigen Hilfe nach Gutsherrenart eingeführt. Dank eben dieser SPD hat sich Parallel zu diesem Rückbau des Sozialstaates eine regelrechte Armutsökonomie entwickelt.
Eben auch diese SPD hat hier ein „Sozialstaat im Sozialstaat “entstehen lassen, denn während das Versprechen auf wohlfahrtsstaatliche Hilfe erodiert, wurden zeitgleich freiwillige Helfer vom Staat aktiviert, um ein privates Wohltätigkeitssystem zu etablieren.
 
Bei den Tafeln gilt selbstverständlich auch hier die Logik von Angebot und Nachfrage. Auch Wohlfahrtsverbände wie Caritas, AWO, Diakonie profitieren von der Armutsökonomie, denn sie können so eine bislang schwer zugängliche Klientel an ihre bisherigen Betreuungsangebote binden, also etwa an die Sozial-, Sucht- oder Schuldenberatung. Als Beispiel zu nennen sind hier die „Hartz4-Kochbücher“, in welchen 2-Euro-Gerichte für „sparsame Genießer“ angeboten werden. Sicherlich können nicht immer die Gewinne in €uro für das unternehmerische Kalkül des Engagements von Firmen für die Tafelbewegung beziffert werden, für den Soziologen sind es oft auch nur symbolische Gewinne, so wenn etwa eine Firma ihre Angestellten für einen „social day“ zu einer Tafel schickt. Die Tafelnutzer sind für einen Tag von Managern umgeben, die dann „einen tollen Eindruck davon bekommen, was in der eigenen Nachbarschaft alles nicht in Ordnung ist.
 
Ja, es ist für die bis zu zwei Mio. Armen, die ihre Nahrungsmittel teilweise oder vollständig von den deutschlandweit fast 1.000 Tafeln erhalten, sehr häufig (über-)lebensnotwendig, dass es die Tafeln überhaupt gibt. Und dennoch: Schon allein durch die Notwendigkeit ihrer Existenz zeigt sich, dass die angebliche „Soziale Marktwirtschaft“ und der „Sozialstaat“ nicht mehr als hohle Floskeln sind. Vom „Uns-geht-es-gut“- und „Ein-Land-in-dem-wir-gut-und-gerne-leben“-Neusprech will ich da erst gar nicht anfangen. Und mehr noch: Immer wieder werden Arme, die die viel zu niedrig bemessene Grundsicherung kritisieren, von den Sozialleistungsträgern damit abgespeist, dass sie sich „ja etwas bei der Tafel holen können, wenn es nicht reicht“.
 
Für uns Linke im Brohltal sind die vor 25 Jahren entstandenen Tafeln Vorläufer einer langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung, die sich schleichend vor unseren Augen immer noch abspielt. Es handelt sich dabei um zentrale Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Verantwortlichkeit, Nachhaltigkeit sowie einem zivilisierten Menschenbild, die nicht nur auf dem Prüfstand sondern abgeschafft gehören. Armut und Reichtum sind nicht nur Fakten, die auf Zahlen basieren, denn das eigene Leben ist kein Zahlenspiel. Viele Tafelnutzer fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und vom Staat verlassen. Diese Gefühle haben massive Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein der betroffenen Bürgerinnen und Bürger und damit letztendlich auch auf seelische und körperliche Gesundheit.
 
Es geht nicht darum, dass Lebensmittel weggeschmissen werden, wenn es die Tafeln nicht gäbe, sondern es geht einerseits um Überproduktion und Überangebot und um ein menschenwürdiges Leben für jedes Mitglied unserer Gesellschaft und um eine Politik, die Armut vorbeugt oder bekämpft und nicht befördert.
 
Wir schreiben der SPD-Kreistagsfraktion gerne in ihr Gästebuch: „Tafeln lindern Armut, aber sie bekämpfen sie nicht.“

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