Zähigkeit und Ausdauer

„Die Zähigkeit und Ausdauer, mit der die oberdeutschen Bauern von 1493 an dreißig Jahre lang konspirierten, mit der sie alle aus ihrer ländlich-zerstreuten Lebensweise hervorbringenden Hindernisse einer größeren, zentralisierten Verbindung überwanden und nach unzähligen Sprengungen, Niederlagen, Hinrichtungen der Führer immer von neuem wieder konspirierten, bis endlich die Gelegenheit zum Aufstand in Masse kam – diese Hartnäckigkeit ist wirklich bewundernswert.“ (Friedrich Engels)[1]

Mit Wissen kann man die Hungrigen nicht sättigen. Ungehemmt und brutal wurden massenhaft dem gemeinen Mann in den Städten und auf dem Land selbst geringste Lebensnotwendigkeiten streitig gemacht, entzogen oder nicht gewährt. Nichts gegen das alltägliche Elend zu versuchen wäre genauso tödlich für die Notleidenden gewesen, wie das Leben in einem noch so aussichtslosen Kampf zu verlieren.

Bauern, städtische Plebejer, verarmte Ritter und andere wurden zum Aufstand gegen ihre Herren getrieben. Wenn diese sich denn nicht als die Zuchtrute Gottes, also als diejenigen aufführten, welche die Menschen zu wahrhaft Gott gefälligen Werken anzuhalten haben, „dann machen die Herren das selber, dass ihnen der arme Mann Feind wird“, denn „am Volke zweifele ich nicht“, bekannte Thomas Müntzer, die einfachen Menschen seiner Zeit sehr genau kennend.

In der Schrift Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können[2] wird deutlich, wie sehr Luther das einfache Volk verachtete und die Grausamkeiten der Gewaltherrschaft des Landadels und der Fürsten legitimierte, weil das Volk selbst tyrannisch sei, würde es herrschen. Luther schrieb 1526: „Denn der Pöbel hat und weiß kein Maß, und in jedem Einzelnen stecken mehr als fünf Tyrannen. Nun ist es besser, von einem Tyrannen (das heißt von der Obrigkeit) Unrecht zu leiden, als Unrecht zu leiden von unzähligen Tyrannen (das heißt vom Pöbel).“

Zwingend notwendige, revolutionäre Veränderungen setzen sich durch, wenn die Ausgebeuteten nicht mehr so weiter machen wollen und die Machthaber vor allem nicht mehr so weiter machen können wie bisher. Jedenfalls machten die Aufständischen des Bauernkrieges und insbesondere Thomas Müntzer den Anspruch geltend, dass der Mensch ein Recht auf Selbstverantwortung und Eigenwilligkeit hat: einen Anspruch auf Souveränität.

Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, ob sie sich nun evolutionär oder revolutionär vollzieht, ist immer dann fortschrittlich, wenn sich jeder konkret Einzelne gerne in seine Lebensumwelt integriert, weil er sich gleichzeitig aus den ihm gegeben Lebensverhältnissen seiner Selbstverwirklichung entsprechend emanzipieren kann. Er sucht also die Attraktivität in der Veränderung, aber, dies muss berücksichtigt werden, er sucht auch seinen persönlichen Vorteil.

Wahrhaft moralisch bewegt sich die menschliche Gesellschaft, wenn in ihr jeder Einzelne die Freiheit hat, eigenwillig für die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu sorgen, sich nützlich an der Gestaltung des Miteinanders zu beteiligen und nach den ihm gemäßen Aspekten der Wahrheit suchen zu können.

Bei der Einflussnahme der Menschen auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Geschehens, besonders in Zeiten, da rasche Qualitätssprünge erforderlich sind, geht es im Wesentlichen um Veränderungen in den Eigentums- und Machtverhältnissen und um die Erweiterung menschlichen Selbstbewusstseins. Moralisch zu bewerten ist dabei immer, was warum und wie verändert werden soll.

Die glaubhafte Begründung dazu kann derjenige liefern, der die Freiheit und Unverletzlichkeit jedes Subjekts anerkennt und sich weder theologisch noch ideologisch über andere Menschen erhebt, damit eine Gesellschaft der Gleichen entstehen kann, in der Wohlstand und Mangel, aber auch Freude und Hoffnungen brüderlich geteilt werden.

In der Gegenwart steht die Menschheit wieder vor der Frage, wie sie leben und letztlich überleben will. Neben den globalen Problemen der Umweltzerstörung und eines sich wandelnden Klimas rückt die soziale Frage ins Zentrum. Wie vor 500 Jahren stehen den wenigen Besitzenden immer mehr Nichtbesitzende gegenüber. Doch dieses Mal tritt die Kluft weltweit ans Tageslicht. Sie ist begleitet von Kriegen und Zerstörung. Welche Antwort wird gegeben werden? Eine sozialpolitische wäre erstrebenswert.

Die einzige Ideologie, die nur Gleiche unter Gleichen kennt, und die als gesellschaftliche Lösung von den Mächtigen immer unterdrückt und bekämpft wurde, so wie sie aus Angst vor dem Verlust weltlicher Macht, ist der Anarchismus – die herrschaftsfreie, basisdemokratische und sich selbst organisierende Gesellschaft. Vielleicht wäre es einen Versuch wert, denn Gewalt ist keine Option und ein Weiter so auch nicht.

Es wird kein Bedenken oder Spiegelfechten helfen. Die Wahrheit muss hervor. Die Leute sind hungrig, sie müssen und wollen essen.

Fußnoten

[1] Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 7, S. 359-371 (Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960). Auf http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_359.htm

[2] Universität Tartu (Estland); Institut für germanische, romanische und slawische Philologie (Abteilung für deutsche Sprache und Literatur). Zitiert aus der Magisterarbeit von Eve Saumets (2014): Der Wortführer Martin Luther und das von ihm geführte Wort am Beispiel der Schrift „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“ (1526). „Denn der Pöbel hat und weiß kein Maß, und in jedem einzelnen stecken mehr als fünf Tyrannen. Nun ist es besser, von einem Tyrannen (d.h. von der Obrigkeit) Unrecht zu leiden, als Unrecht zu leiden von unzähligen Tyrannen (d.h. vom Pöbel).“ (Calwer 1996: 75–76). Auf http://dspace.ut.ee/bitstream/handle/10062/38657/eve_saumets.pdf

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