Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage

Berliner Arbeitssenatorin: Geschäfte öffnen am vierten Advent

Ein kurzfristiges Kippen des verkaufsoffenen Sonntags sei ohne Weiteres nicht möglich, so Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach.

Ausgerechnet Elke Breitenbach von der Partei DIE LINKE in der Berliner Regierung die mit Hasstiraden gegen Sahra Wagenknecht sich hervortut – die soll sich was schämen.

Verkaufsoffene Sonntage schaden den Verkäufer und Verkäuferinnen

An Sonntagen Grillkohle und Blumen kaufen ist toll – aber nur für die Kunden. Die Verkäufer in den Läden drohen durch immer längere Öffnungszeiten wirtschaftlich abzurutschen. Endlich vorbei, die kalten verregneten Wintersonntagnachmittage, die sich so unendlich dehnen können. Was bloß tun, wenn es draußen nieselt, der Wind bläst und es deutlich zu ungemütlich für einen Spaziergang im Park ist? Wie entspannt wäre es, könnte man jetzt die Kinder ins Auto packen und den Wochenendeinkauf machen? Oder in die Stadt fahren, bummeln, endlich mal eine neue Hose kaufen oder die kaputte Nachttischlampe ersetzen? Geht aber nicht, Läden zu. All das muss man in den Samstag packen, für Berufstätige der Tag der niemals abgearbeiteten To-do-Liste.

Warum lässt man den Bürgern die Freiheit nicht, an Sonntagen einkaufen gehen zu dürfen, fragen viele Zeitgenossen in schöner Regelmäßigkeit. Warum bevormundet man sie, zwangsverordnet ihnen Ruhe, die sie überhaupt nicht wollen?

Für uns Kunden ist das ärgerlich, sicher. Aber es gibt gute Gründe dafür, dass die Läden an den Sonntagen geschlossen bleiben und die Gewerkschaft Ver.di so vehement gegen jeden einzelnen verkaufsoffenen Sonntag kämpft. Und zwar aus Sicht der Verkäufer in den Läden. Mit jeder Stunde nämlich, die ein Geschäft länger offen bleibt, steigt für sie die Gefahr des sozialen Abstiegs.

Wirtschaftswissenschaftler der Schweizer Investmentbank Credit Suisse haben diesen Zusammenhang, mit dem auch Ver.di stets argumentiert, in einer Studie am Beispiel der Stadt Lausanne nachgewiesen. Längere Öffnungszeiten führen demnach zwar dazu, dass Einzelhändler am Monatsende ein bisschen mehr Geld in der Tasche haben – aber die dadurch entstehenden Kosten fressen diesen Vorteil fast komplett auf. Egal, wie lange die Läden offen sind, egal, wie groß die Verkaufsflächen – es lässt sich einfach kaum mehr aus den Portemonnaies der Kunden locken. Stattdessen machen sich die Ladenbesitzer nur gegenseitig Konkurrenz.

Genauer gesagt wird es vor allem für die Angestellten unbequemer. Denn die Ladenbesitzer sind oft große Filialisten – und die wälzen den Wettbewerbsdruck zunehmend auf ihre Mitarbeiter ab. Sie drücken sie immer häufiger in unfreiwillige flexible Teilzeitverträge. Solche Beschäftigungsverhältnisse, die es den Arbeitgebern ermöglichen, Verkäufer wieder nach Hause zu schicken oder ihre Schichten kurzfristig abzusagen, wenn die Läden leer sind.

So verhindern sie, dass Verkäufer, die gelangweilt im Laden herumstehen, trotzdem bezahlt werden müssen. Für viele Angestellte ist das hochproblematisch. Sie wissen nicht, wie häufig sie eingesetzt werden, wie viel Geld sie am Monatsende in der Tasche haben werden und ob sie damit die Rechnungen ihrer Familie bezahlen können. In Deutschland arbeiten schon jetzt rund 1,5 Millionen Menschen mit solchen Arbeitsverträgen, geht aus Auswertungen des Statistischen Bundesamts hervor. Und die Tendenz steigt laut Arbeitsmarktexperten, gerade im Einzelhandel und Gastgewerbe.

Firmen wie die US-Spielzeugkette Toys’R’Us oder Modeläden wie H&M bedienen sich immer häufiger solcher Verträge. Bei der Spielzeugkette haben demnach neun von zehn Angestellten nur noch solche Verträge, können sich aber auch keinen zweiten Teilzeitjob suchen, weil sie sich ja für Einsätze bereit halten müssen. Zum Beispiel am verkaufsoffenen Sonntag. Einfach in eine andere Firma wechseln geht auch nicht, weil gerade im Einzelhandel immer mehr Firmen dieses Vertragsmodell fahren.

Ein Teil der Angestellten im Einzelhandel kommt mit seinem Einkommen nicht aus und muss es mit Sozialleistungen aufstocken. Letztlich also zahlen wir Kunden dafür mit, dass die Angestellten in den Läden zu unbequemen Zeiten arbeiten müssen und dabei am Monatsende unter Umständen trotzdem weniger Geld in der Tasche haben.

Unter ihnen sind vermutlich auch einige Verkäuferinnen, die viel lieber die Sonntagsruhe mit ihren Kindern genießen würden. Auch daran sollte man zumindest einen kurzen Gedanken verschwenden, bevor man reflexartig nach verkaufsoffenen Sonntagen ruft.

Ob Real, Peek & Cloppenburg, Edeka oder Amazon und andere mehr: Viele Unternehmen sind nicht mehr in der Tarifbindung und können sich so durch niedrigere Löhne Wettbewerbsvorteile verschaffen. „Nur noch 14 Prozent der Unternehmen sind an den Tarifvertrag gebunden.“

Die Arbeitgeber dringen seit Jahren auf eine Veränderung der in den sogenannten Manteltarifverträgen festgelegten Arbeitsbedingungen. Da steht zum Beispiel drin, dass es ab 20 Uhr Nachtzuschläge für die Beschäftigten gibt. Das wollen die Arbeitgeber auch alles modernisieren sprich nicht mehr bezahlen; Lohndumping im Einzelhandel wird immer dreister. Über teilweise wirklich auch katastrophale Arbeitsbedingungen des Personals (es sind ja überwiegend Frauen, die dort arbeiten in dieser Branche) will ich erst gar nicht reden, das würde hier den Rahmen sprengen. Deshalb ist hier der Widerstand so wichtig!

In meiner Familie gibt es Beschäftigte, die im Einzelhandel arbeiten und deshalb meine Positionen gegen „Arbeiten am ‚Sonntag“ ohne große Diskussion teilen – sie wissen, wie wertvoll ein verlässlicher gemeinsamer freier Tag ist, der nicht Wochen zuvor per Urlaub oder Arbeitsplanung bei allen Familienmitgliedern geregelt werden muss. Dieses Argument versuche ich in Gesprächen auch Anderen zu vermitteln. Freunden, die in anderen Branchen arbeiten, stelle ich meist die Frage, ob sie auch dann für Sonntagsarbeit wären, wenn sie selbst unter den Bedingungen wie im Handel arbeiten müssten. Die meisten sprechen sich dann im Falle ihrer eigenen Betroffenheit gegen die Sonntagsarbeit aus.

Für jemanden, der nicht wirklich viel verdient, wenige Wochenarbeitsstunden hat und sich aussuchen darf, ob er am Sonntag arbeiten möchte oder nicht, ist es lukrativer, sonntags zu arbeiten. Wobei wir hier von tarifgebundenen Unternehmen sprechen. Fraglich ist nämlich, ob in der Branche durchweg Sonntagszuschläge bezahlt werden. Ich bezweifle das.

Der Handel sollte seine Arbeit anständig machen und einen ordentlichen Rahmen für den Wettbewerb im Handel setzen, der nicht auch noch über eine weitere Erweiterung der Ladenöffnungszeiten auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird.

Ich wünsche mir:

  • Behörden, die gesetzeskonforme Entscheidungen treffen und sich nicht den Trends ergeben,
  • Kunden, die einsehen, dass die Sonntagsöffnungen lediglich mehr Unruhe in ihr Leben bringen und auch negative Folgen für sie selbst haben können,
  • und Händler, die einsehen, dass Kunden nicht unendlich viel Geld haben und dass der Euro, der sonntags in Ihrer Kasse landet, am Dienstag nicht bei Ihnen ausgegeben wird.

Zur Erinnerung: Das hat nach dem Jahr 2000 begonnen, denn bis zum Jahr 2000 war der Tarifvertrag im Einzelhandel allgemeinverbindlich erklärt. Das heißt, alle Arbeitgeber, auch die, die nicht im Arbeitgeberverband waren, mussten sich an dieses Regelwerk halten. Damals hat man von der rot-grünen Bundesregierung auf Druck diese Allgemeinverbindlichkeit aufgehoben und seit diesem Moment macht es wohl gemerkt betriebswirtschaftlich für den einzelnen Einzelhändler Sinn, sich Vorteile zu verschaffen im harten Kostenwettbewerb mit den Konkurrenten, indem man beispielsweise sein Personal etwas oder deutlich schlechter bezahlt.

Last but not least: Gerade in dieser Branche wäre eigentlich ein sinnvoller Schritt, dass man  zurückfinden zur Tarifbindung finden würde, und dafür ist ja Dreh- und Angelpunkt die Allgemeinverbindlichkeit. Man muss natürlich auch wissen, die Allgemeinverbindlichkeit kann nur erklärt werden, wenn beide, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, das beantragen. Aber die Arbeitgeberverbände sind generell gegen die Allgemeinverbindlichkeit. Jetzt ratet mal warum?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.