Für Reiche ist die Lage erschreckend

Anhaltende Proteste quer durch Frankreich, ein großer Auftritt von Matteo Salvini in Rom und die Brexit-Abstimmung in London – Anlass genug für viele wirklich Reiche, sich zu schrecken.

GMO ist keine imposante Aktiengesellschaft wie Prudential Financial, sondern ein privates Unternehmen, gegründet von Jeremy Grantham. Das Leitbild für die 550 Beschäftigten ist unmissverständlich: »Unser einziges Geschäft ist das Managen von Investitionen mit dem Ziel, überdurchschnittliche Erträge zu erzielen und unsere Kunden zu beraten.« Wie und wo die Milliarden investiert werden, erfahren nur die Geldgeber selbst. Wer als Privatperson dazu zählen möchte, muss mindestens fünf Millionen Dollar einbringen, institutionelle Anleger mindestens zehn. Selbst dann wird jeder Neueinsteiger handverlesen, denn die GMO-Manager »sind stolz, global einigen der prestigeträchtigsten und anspruchsvollsten Investoren dienen zu dürfen«.

James Montier ist der schillerndste Investmentstar unter ihnen, sein Büro findet sich an der London Bridge, im Building No 1. Terroranschläge im Westen sind für ihn noch weit entfernt von jenen fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen, die ihn inzwischen alarmieren. Ausgerechnet dieser vielfach gerühmte Finanzstratege benennt das ökonomische Modell, das so viele seiner Kunden und auch ihn reich gemacht hat, als Ursache für die großen politischen Verwerfungen der Gegenwart. In seinem sorgfältig gesicherten Computer kann Montier ein Grundsatzpapier aufrufen, das er gemeinsam mit einem Kollegen für seine Anleger verfasst hat und das keinen Zweifel lässt. »Der Neoliberalismus ist ein Projekt, das man so buchstabieren sollte: D. E. S. A. S. T. E. R« lautet eine fettgedruckte Überschrift.

Die Eigendynamik erfasst auch die Politik. »Populismus ist eine Antwort auf den Neoliberalismus. Es dauerte 40 Jahre, bis dessen wahre Auswirkungen sichtbar wurden. Aber jetzt, da sie sichtbar sind, sind sie dramatisch. Die meisten entwickelten Volkswirtschaften sind ausgehöhlt und nur noch leere Hülsen. Sie verzeichnen enorme Handelsbilanzdefizite und produzieren immer weniger Güter, welche die Menschen tatsächlich konsumieren. Dafür produzieren sie arbeitslose Arbeiter und unzufriedene Bürger.«

Die Herren des neuen Goldes, zu deren Selbstverständnis es zählt, Entwicklungen zu Ende zu denken, wissen, dass acht Milliardäre so viel Vermögen angehäuft haben wie die Hälfte der Menschheit. Sie wissen, dass sich seit der Zeit des Eisenbahnkönigs Cornelius Vanderbilt, des Stahlbarons Andrew Carnegie und des Ölmagnaten John D. Rockefeller nicht mehr so viel Reichtum in so wenigen Händen konzentriert hat. Und sie wissen, dass es nach Zählung des »Forbes«-Magazins derzeit weltweit nur 2075 Milliardäre gibt.

Manche der neuen Internetbeherrscher zählen dazu oder machen zumindest Geschäfte mit ihnen. Und sie ahnen, dass 25 Finanzmanager aus der Hedgefonds-Branche in den Vereinigten Staaten von Amerika jedes Jahr so viel verdienen wie alle US-Kindergärtnerinnen und Kindergärtner gemeinsam.

Antonio García Martínez, ein früherer Manager bei Facebook, sorgt sich um die »giftige Spaltung« der Gesellschaft, »wir bewegen uns gerade auf sehr dünnem Eis«. Er hat sich auf einer Insel im Nordwesten Amerikas einige Hektar bewaldetes Land gekauft, dazu Stromgeneratoren, Solarpanels und tausende Ladungen Munition. Dahin will er sich zurückziehen, wenn »Chaos ausbricht« und sich mit einer »kleinen Militia« schützen. Goldmünzen gehören auch zum Vorrat. In einer privaten Facebook-Gruppe kann sich García Martínez mit Gleichgesinnten austauschen. Ein Mitglied, der Chef einer Investmentfirma, hält einen stets startbereiten Helikopter bereit und ließ sich einen unterirdischen Bunker bauen.

Steve Huffman, Mitbegründer der Internetplattform Reddit, die zum Beispiel die SPD für ihren jüngsten Bundestagswahlkampf nutzte, hat sich wie viele seiner Freunde in der Bay Area zumindest einige Motorräder und zahlreiche Gewehre zugelegt, um sich durchzukämpfen, »wenn unsere Regierung zeitweise kollabieren sollte«. Den Zeitpunkt, wann es zu umfangreichen Unruhen kommen sollte, glaubt er gut abschätzen zu können. So konnte er auf vielen Diskussionssträngen auf Reddit beobachten, wie fundierte Warnungen zunahmen, bevor die Finanzkrise ab 2007 in die Schlagzeilen der herkömmlichen Medien geriet. Huffman, der an der natürlichen Erdbebenlinie der San-Andreas-Verwerfung lebt, nutzt so seine Internetzugänge als Seismographen gesellschaftlicher Brüche.

13 Flugstunden entfernt entwickelte sich Neuseeland in den vergangenen Jahren zur Arche Noah für zahllose besorgte Schwerreiche, die Privatjets besitzen. Das Land ist hoch entwickelt und bietet, was im Westen immer seltener wird: soziale Stabilität. Uneinsehbare Grundstücke mit Hubschrauberlandeplatz sind besonders gefragt. Mehr als 1000 Ausländer, die jeweils mindestens eine Million Dollar im Land investierten und sich zumindest 1350 Tage in fünf Jahren dort aufhielten, bekamen in jüngster Zeit die Staatsbürgerschaft verliehen. Peter Thiel, einer der ersten, die in Facebook investierten und Mitgründer des Online-Bezahldienstes Paypal, schaffte das in zwölf Tagen. Nicht einmal zur Überreichung der Urkunde musste er nach Auckland fliegen, er erhielt sie 2011 bei einer privaten Zeremonie im kalifornischen Santa Monica. Thiel, so die Begründung des damaligen Innenministers Nathan Guy, sei ein »großartiger Botschafter Neuseelands und ein großartiger Verkäufer«. Thiel kaufte Filetgrundstücke und Luxushäuser, doch es ist nicht bekannt, dass er je in der Öffentlichkeit auf seine neuseeländische Staatsbürgerschaft hingewiesen hätte, ehe heimische Medien sie im Jahr 2017 aufdeckten. In jedem Fall ist Thiel, einer der engen Berater des US-Präsidenten Donald Trump, nun wie manche seiner Hedgefonds-Managerfreunde gut gehedgt, zu Deutsch: abgesichert.

Tatsächlich wird in der Öffentlichkeit der Reichtum der ganz Reichen oft noch unterschätzt, weil ihre Vermögensangaben auf Freiwilligkeit beruhen. Die Redewendung von den »Oberen Zehntausend« beschreibt nur noch Vergangenheit. Eine erste realistische Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die 2018 veröffentlicht wurde, zeigt, dass allein 45 Haushalte in Deutschland im Durchschnitt 4,8 Milliarden Euro besitzen, in Summe so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung, nämlich 214 Milliarden Euro. Den obersten zehn Prozent werden sechs Billionen Euro an Vermögen zugerechnet, knapp 30 Mal mehr als den unteren 50 Prozent. 8,2 Millionen Menschen sind somit in Deutschland 30 Mal reicher als 41 Millionen Einwohner gemeinsam. In Frankreich und Spanien hingegen sind die Unterschiede weit geringer.

In Österreich, das auf jede Erbschafts- oder Vermögenssteuer verzichtet, regiert allerdings außergewöhnliche Ungleichheit. Die zehn reichsten Familien besitzen in Summe 170 Milliarden Euro, vorneweg der Porsche- und Piëch-Clan 37,7 Milliarden. Den Red-Bull-Unternehmer Dietrich Mateschitz schätzte »Forbes« in seiner »Real-Time-List«, die nach jedem Börsentag aktualisiert wird, zuletzt auf 24,6 Milliarden Dollar. Allein im Jahr 2017 wuchs das Vermögen der Milliardäre rund um den Erdball um 17 Prozent. US-Großinvestor Warren Buffett näherte sich einem ihm anvertrauten Barvermögen von 100 Milliarden Dollar. Er wollte es anlegen, fand aber keinen Bereich, den er noch für lohnenswert hielt. So ergeht es vielen extrem Reichen und Fonds. Sie haben so viel Geld, dass sie ernsthaft nicht mehr wissen, wohin damit.

Den Chef des weltweit größten Anlageverwalters Blackrock, Laurence »Larry« Fink, erfasst inzwischen Unruhe. Er kontrolliert sechs Billionen Dollar (in Zahlen: 6 000 000 000 000, das entspricht etwa dem Doppelten des deutschen Bruttoinlandproduktes, also des Wertes aller Waren und Dienstleistungen eines Jahres). Blackrock ist der größte Einzelaktionär bei zahllosen börsennotierten Konzernen. Am 16. Januar 2018 übermittelte Fink den Verantwortlichen dieser Unternehmen einen unerwartet offenherzigen Brief. »Seit der Finanzkrise«, nahm er Bezug auf das vergangene Jahrzehnt, »haben diejenigen, die über Kapital verfügen, enorme Gewinne eingeheimst. Gleichzeitig sind viele Individuen rund um die Welt mit einer Kombination aus niedrigen Zinsen, einem langsamen Anstieg ihrer Löhne und einem unzulänglichen Rentensystem konfrontiert. Viele haben gar nicht die finanziellen Mittel und die Kompetenz, um sich etwas anzusparen. Für Millionen Menschen schwindet die Aussicht auf eine sichere Rente. Ich glaube, diese Trends sind eine wichtige Ursache für die Angst und Polarisierung, die wir heute in der Welt beobachten können.« Howgh.

Auch Eric Weinstein, Geschäftsführer von Thiel Capital, der Investmentfirma von Peter Thiel, bläst neuerdings ins gleiche Horn: »Ich denke, dass die größte Gefahr von den wirklich Reichen ausgeht, und damit meine ich die mit einem neun- oder zehnstelligen Vermögen. Denn sie haben sich immer weiter vom Leben des Restes entfernt und sind damit weitgehend unempfänglich für die Anliegen derjenigen geworden, die noch nach Arbeitsstunden bezahlt werden. Als Preis für diese Gleichgültigkeit werden wir die Anfänge einer Revolution erleben.«

Was für eine Welt. Täter und Profiteure der großen Spaltung wollen und werden sich in Sicherheit bringen, sobald die Opfer ernsthaft rebellieren. Und dies nicht in und aus Diktaturen in Afrika, sondern im so lange gepriesenen Westen. Besonders Reiche investieren, um sich vor ihren eigenen Landsleuten in den reichen Staaten wegsperren zu können.

Das sind die wahrhaft problematischen Flüchtlinge, so wie die vermögenden globalen Steuerflüchtlinge, nicht selten sind sie es in Personalunion.

Das Ende der neoliberalen marktkonformen Demokratie wird kommen.Nur was kommt danach? Das National Soziale hatten wir mit den Nazis, es gehört auf den Müllhaufen der Geschichte und darf sich nie wiederholen!

 

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