Kein Werben fürs Sterben

Die neue Bundeswehr-Serie „Survival“ macht keinen Hehl daraus, dass sie Jugendliche seelisch verrohen will.

Ihre neue achtteilige Serie „Survival“ veröffentlicht die Bundeswehr im zweiten Schulhalbjahr, um etwaige interessierte Schulabgänger für den Dienst an der Waffe zu begeistern. Sprachlich ist der Werbeton mittlerweile wesentlich rauer als der der Pilot-Serie „Die Rekruten“ aus dem Jahr 2016. Die Phase der sanften Einführung scheint vorüber zu sein. Nun gehen die Macher dazu über, die Rohheit des Militärdienstes nicht mehr länger zu verschleiern. Hat man unsere Generation mittlerweile schon so weit an Brutalität und Gefühlskälte herangeführt, dass diese Tonart nun Anklang findet?

Was geschieht, wenn die Bundeswehr „Frischfleisch“ braucht?

Seit 2017 wurde das Nachwuchsschleppnetz der Bundeswehr für Jugendliche jeden Alters – und jeden Reifegrades – auf YouTube ausgeworfen. „Die Rekruten“ nannte sich dieses Machwerk, das leider bei vielen Heranwachsenden tatsächlich ausgelassenen Anklang findet und fand. Geradezu euphorisch waren einige leicht beeindruckbare Naivlinge,  die der Karriere beim Bund entgegenfieberten.

Warum man sich über die freudige Willlkommenheißung einer Armee, die bei Weitem keine weiße Weste hat, allerdings Gedanken machen und ihre Machart kritisieren sollte, ist Anlass dieses Textes.

Steuerfinanzierte Volksverdummung

Stellen Sie sich mal vor, die Öffentlich-rechtlichen würden auf einmal anfangen, ausschließlich Sendungen zu produzieren, die in Inhalt, Aufmachung und Vermarktung den Possenspielen privater RTL-Siechtumsableger haargenau gleichen – Und das durch den Rundfunkbeitrag steuerfinanziert. Ha, was da los wäre!

Blickt man nun aber Richtung „Rekruten“, muss man sich fragen: Was ist diese burleske Farce anderes als eine bereits Realität gewordene Version des eben beschriebenen Szenarios? Von der dilettantischen Konzeption über die massentaugliche Popularisation bis hin zur Finanzierung der Bundeswehr aus Steuergeldern ziehen sich die Parallelen auffällig schlüssig durch dieses Gedankenspiel, und ohne die zugegebenermaßen geniale Tarnung unter dem „Neue Medien“-Mantel einer YouTube-Webserie hätten die Amateurproduzenten des digitalen Bundeswehrdebakels wohl bald einige Klagen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses am Hals.

Ich möchte hierbei gar nicht so sehr auf die Frage nach der Notwendigkeit einer („Verteidigungs“-)Armee eingehen, noch auf die inexistente Sinnhaftigkeit von Kriegen und Militärkonflikten generell – Eine urteilende Tendenz wird hier wohl schon deutlich genug.

Dem Erfolg der militärischen We(r)bserie aus der Marinetechnikschule in Parow spielt zum einen sicherlich in die Hände, dass sie in der Geschichte der Bundeswehr Premiere feiern darf – Den Hauptkanal kann wohl niemand erstnehmen. Nein, es ist der Reiz des Neuen, des Modernen, des Digitalen, der die Videos der Rekruten so attraktiv macht. „Die Jugend ist die Zukunft!“, wird uns doch allerorten eingebläut, da versteht es sich von selbst, dass wir Jugendlichen auch an zukunftsweisenden Wegen der Kommunikation interessiert sind. Wollte man sich bisher näher über die Bundeswehr und gerade den Einstieg informieren, musste man die spießige Variante wählen und sich mühsam durch tattrige Textblöcke kämpfen. Da lehne ich mich doch lieber zurück, schalte „Die Rekruten“ ein und genieße meine Einmannpackung, denkt sich der zeitgenössische Gefreite. Da kann man bei der Aufmachung auch mal wegschauen.

Zum anderen musste die aktuelle Generation den zerstörerischen Charakter des Krieges nicht mehr hautnah erfahren. Das mag überspitzt klingen, aber seit der Abschaffung der Wehrpflicht ist die Bundeswehr ein Gespenst, das bisher nur außerhalb des in Betracht gezogenen Berufshorizontes eines Schulabsolventen lag. Und das ging einige Jahre gut, doch wie das sekkante Camouflagemuster in der Mode ist auch der Wehrdienst wieder am Aufkeimen. Mehr und mehr Jugendliche interessieren sich für eine Karriere beim Bund. Die Betonung liegt auf „Karriere“:

Weil sie ihre menschlichen Ressourcen nicht mehr von Vater Staat zugeschickt bekommt, muss sich die Bundeswehr als Unternehmen verstehen und wird auch zunehmend als solches verstanden. Immerhin ist sie einer der größten Arbeitgeber in Deutschland! Insofern ist das Interesse an und das Bewusstsein über Möglichkeiten einer Laufbahn im Militär heutzutage wieder präsenter als noch vor einigen Jahren, weil die negative Perzeption genug Zeit hatte, wie ein Neunziger-Popsong allmählich auszufaden.

Und zu guter Letzt profitiert die Bundeswehr ebenfalls von dem flächendeckenden Bildungsdefizit, das auch heutige Abiturienten befallen hat. Schon hier wird eigenes Denken oftmals nicht mehr vorausgesetzt (was wiederum eine prima Voraussetzung für die Karriere beim Bund ist), und in den ständigen Debatten über den Niedergang unseres Schulsystems hört man immer wieder die Beschwerde, dass mittlerweile auch massenhaft Unqualifizierte die Versetzung in die immerhin höchste deutsche Schulform schaffen. Wenn das auf den ebenfalls an Aktualität gewinnenden, durch die schier endlose Karriereoptionsflut des Informationszeitalters provozierten Faktor der Orientierungslosigkeit heutiger Jugendlicher trifft, und dann pünktlich zum Achtzehnten noch ein geradezu flehendes Informationspapier der Bundeswehr einflattert, liegt der Griff zu etwas archaisch-Bewährtem nahe und der zum Telefon gleich dahinter.

Die Bundeswehr vermittelt den Eindruck, eben weil sie so alt und verstaubt ist, unumstößlich zu sein, und diese Scheinsicherheit einer vermeintlich garantierten Karriere verlockt die Dummen ebenso wie die Planlosen. Der probate Charakter der Bundeswehr verspricht Einfachheit – und das kommt in dem Fundus anspruchsvoller, profunde Kenntnisse voraussetzender und trotzdem befristeter Jobangebote natürlich gerade recht. Übrigens ist dieses Image nicht der PR-Leistung der Bundeswehr zuzuschreiben; dass Bewährtes und die Rückkehr zu traditionellen Werten und Strukturen immer gefragter werden, zeigt sich auch an den Wahlerfolgen der AfD.

Naive Resonanz

Wagt man es tatsächlich und wirft als gebildeter Zuschauer mit minimalem filmtechnischen Anspruch einen Blick auf „Die Rekruten“, so kann man sich trotz der den Erfolg begründenden Argumente nur wundern. Weniger darüber, dass das Medium der Webserie an sich als Katalysator für das Interesse an der Bundeswehr geeignet ist, denn das ist es; aber dass die vorliegende Serie diesen Zweck erfüllt, das ist verwunderlich. Doch es ist das RTL-Phänomen: Man fragt sich, wie die Serie trotz ihrer miserablen Qualität so gut geklickt werden kann, wenn doch der gesamte Bekanntenkreis die eigene persiflierende Meinung teilt, ignoriert dabei aber, dass sich jenseits des heimischen Tellerrands mehr als genug Konsumenten finden – dasselbe, was auch den kosmopolitischen Wählern bei der letzten amerikanischen Präsidentschaftswahl passierte.

Die Aufmachung der „Rekruten“ könnte billiger nicht aussehen.

Im Stil des auf YouTube so populären VLogs („Video-Blogs“) werden die wackligen Amateuraufnahmen, die stellenweise gerne auch Fokusprobleme beinhalten können, auf „jugendlich“ getrimmt: Handkamera, Jumpcuts, Fisheye-Looks, komplettiert von schlecht animierten Texteinspielern, deren humoristischer Gehalt gen Null geht. Deplatzierte sowie infantile Soundeffekte steigern den Peinlichkeitsfaktor weiter. Die geballte Einfallslosigkeit, die das militärische Szenenbild bestimmt, ist beschämend.

Auch die inhaltliche Oberflächlichkeit lässt jeden Ansatz von Atmosphäre versiegen. Ernste Themen wie die posttraumatische Belastungsstörung, die viele Ex-Soldaten in den Suizid treibt, werden regelrecht abgefertigt: Die Rekruten gedenken dieser Toten mit 22 Liegestützen, ein Akt, der thematisch nicht einmal das ohnehin kurze, sechsminütige Video ausfüllt. Die Gedenkaktion läuft unter dem Titel einer „Challenge“ und wird auch sichtlich nur als solche verstanden; insbesondere die Aussagen der jungen Rekruten hierzu sind ebenso unreflektiert wie uni(n)formiert. Eine eingehendere Schulung als die bloßen Liegestütze scheint es nicht gegeben zu haben. Zwei der vier Links in der Videobeschreibung, die angeblich genauer über das Thema informieren sollen, führen lediglich zur allgemeinen Startseite der Bundeswehr. Ebenso wirken die anfänglich hochgeladenen ‚Homestories‘ der zwölf gesondert begleiteten Rekruten unerträglich gestellt; der Begriff ‚Laiendarsteller‘ wäre noch schmeichelhaft.

Den Jüngeren würde das Denken abgenommen und im Beruf dann auch nicht wieder vorausgesetzt. Wie bereits angesprochen, ist es in der Tat einfach, das Hirn Insolvenz anmelden zu lassen und sich bei der Bundeswehr einzuschreiben, gerade weil sie so gut wie keine Voraussetzungen verlangt. Und es ist auch einleuchtend, dass die Bundeswehr in ihrer desolaten Verfassung natürlich irgendeine Art von Werbung, die dem Nachwuchs das klar macht, inszenieren muss.

Da könnte man sich köstlich drüber amüsieren – wenn es nur nicht so traurig wäre. Das Verteidigungsministerium hingegen war mit seinen, nochmal, acht Millionen Euro also erstmal damit beschäftigt, dieses Budget überhaupt auszugeben. Und man sollte doch meinen, dass ein Großteil dessen in die Produktion der Serie fließt, oder? Irrtum! Über drei ganze Viertel der acht Millionen Euro Gesamtfinanzierung wurden für die Werbung verschleudert! Dafür, dass man im U-Bahn-Tunnel penetrante Plakate ertragen muss, die Bundeswehr in den Tageszeitungen sieht und online von ostentativen Anzeigen geplagt wird! Dafür gingen sechs Millionen Euro an Steuergeld drauf!

Da hier also ein noch größeres Risiko besteht, dass selbst die unterbelichtetsten Rekruten die Lust an den mit verbalen Peitschenhieben gepaarten körperlichen Herausforderungen verlieren, muss man sich zurückhalten. Stellen Sie sich mal vor, wie es da beim unbewachten Fußheer abgeht. Und wenn zu allem Überfluss noch, wie bei den „Rekruten“, ein Kamerateam dabei ist, wird erst recht durch Weglassen gelogen. Da kann man nicht, wie ich aus einer persönlichen Quelle weiß, wie in anderen Kasernen morgens die blechernen Mülleimer in die Rekrutenquartiere schmeißen, um die Jugendlichen auf brachiale Weise aufzuwecken. Oder das Ritual der Abschlussehrung filmen, bei der sich traditionellerweise alle – meist 50 – Rekruten gegenseitig patriotisch, kameradschaftlich auf die Schulter klopfen, oder besser gesagt: auf sie einschlagen – ein Vorgang, der von den Rekruten selbst mit sadistischer Häme durchgeführt wird und nicht selten zu ernsthafter Körperverletzung führt.

Meine Quelle – seinerseits ein menschlicher Schrank – trug noch Wochen nach dieser Tortur eine blutergussrote Schulter zur Schau, und eines der jungen Mädchen dort wurde so heftig „beglückwünscht“, dass sie mit einem angebrochenen Schulterknochen ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Diese Vorgänge sind Alltag in der Bundeswehr. Und sobald sich alle Jahre wieder öffentlich ein Missbrauchsvorwurf erhebt, melden sich plötzlich zahlreiche weitere Kasernenmitglieder – natürlich anonym –, um von ähnlichen Zuständen zu berichten. Aber das Bundesheer versteht es, diese Angelegenheiten schnell wieder zu vertuschen. Schlechte PR schreckt schließlich Frischfleisch ab, und das muss man vermeiden – Koste es, was es wolle.

Was bleibt, ist der an allen ethischen Fronten gescheiterte Versuch, eine bewusst nur als wahrheitsgetreu verpackte Serie abzuliefern, die den harten Alltag der Rekruten und auch das eigentliche Geschäft der Bundeswehr gefährlich verharmlost. Es ist ein Schleppnetz, das ausgeworfen wurde, um die Jugend dieses Landes an die diversen Schauplätze der spätkapitalistischen Ressourcenkriege zu locken und lästigen Kritikern durch den belächelten Status der Webserie von vornherein die Substanz zu nehmen. Argumente, um die Bundeswehr und ihren dreckigen Sumpf an widerlichen und, ja, illegalen Bräuchen zu exkulpieren, scheinen aber vor allem angesichs der intern oft ausbleibenden Konsequenzen auf ernstzunehmende Delikte nurmehr wie heuchlerisches Wegsehen.

Lächerlich sind auch die Rechtfertigungsansätze, die hinsichtlich elterlichen Versagens in der Erziehung nun der Bundeswehr die Attribute zuschreiben, die für eine jugendgerechte Bildung wesentlich sind; dass die Bundeswehr beispielsweise Disziplin schulen soll, ist ein beliebtes Argument beschränkter Verteidiger. Man sollte sich jedoch ernsthaft fragen, ob die hierfür genutzen Methoden wirklich zielführend sind. Ein sogar bei den „Rekruten“ propagiertes Beispiel hierfür sind die Böcke, das Bettfaltmuster, das die Rekruten unter Androhung von Strafe akribisch genau auszuführen haben. Angesichts der Komplexität des Vorgangs, die mit der Unsinnigkeit desselben gepaart ist, kann ich jedoch sehr gut verstehen, dass manche Rekruten da sprichwörtlich keinen Bock haben.

Und auch bei aller netten Vermarktung und bemühten Verschleierung bleibt der Arbeitgeber eben eine Kriegseinheit. Die Unmenschlichkeit der Sache an sich spiegelt sich im Umgang mit, aber auch unter den Rekruten wider – „Entwürdigend“ ist da noch ein netter Begriff. Und anmerken möchte ich noch, dass auch eine Verteidigungsarmee, die bereits zahlreiche fragwürdige Auslandseinsätze à la „Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt“ hinter sich hat, mit solchen Einsätzen faktisch Krieg führt – Egal, was sie sich auf die Fahne schreibt.

Abschließend also ist diesem trivial inszenierten, kümmerlich produzierten, niederträchtig betrügerischen Serienabschaum nur zu wünschen, dass er als abschreckendes Warnsignal in die Geschichte der Bundeswehr eingeht, das aufzeigt, wie obsolet die dort herrschenden Zustände dieser Tage sind. Als ich die erste Folge dieses digitalen Schandflecks zu Gesicht bekam, hielt ich sie für eine Parodie – Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand ein solches Sputum ernsthaft unter positiver PR laufen lassen würde. Die Bundeswehr aber tut das und willigt dadurch ein, dass ihre Grundausbildung von einer fadenscheinigen Blamage repräsentiert wird, die junge Leute unter Vortäuschung falscher Tatsachen zum Bund locken will, ohne dabei auch nur den geringsten qualitativen Anspruch zu erfüllen. Kennen Sie die Phrase: Wer nichts wird, wird Wirt? Dieser Spruch ist längst überholt.

Wer heute nichts wird, wird Soldat.

Und nun steht uns schon wieder eine neue Serie ins Haus — „Survival“. In der Nahrungsbeschaffung beweist die Bundeswehr einen langen Atem und krächzt mit ihren aufgerissenen Geierschnäbeln immer fordernder nach neuem Kanonenfutter. Was also tun? Wieder mit zehn Litern Kaffee und Notizblock vor YouTube sitzen und stundenlang dieses heroisierte Soldaten-Dschungelcamp zu Gemüte führen und analysieren?

Ich will hier einen ganz anderen Aspekt betrachten, die neue „Survival“-Serie nur als Aufhänger nutzend — für philosophische Fragen: Welche Rolle kommt der Jugend angesichts omnipräsenter Militarisierung zu? Welche seelischen Dispositionen müssen vorliegen, damit ein junger Mensch sich dazu entschließt, seinen Körper der Bundeswehr zur Verfügung zu stellen? Wie verformt, verbiegt und bricht der Militärdienst junge Menschen?

„Abi-Stress? — Hier ist dein Ablenkungsmanöver!“ — so lautet die Überschrift eines der „Survival“-Plakate. Dieser Slogan offenbart so viel, dass man kaum weiß, wo man beginnen soll.

Los geht es zunächst damit, dass die Bundeswehr die Schülerinnen und Schüler lockt, indem sie ihnen einen Ausweg aus dem tristen und zumeist stressigen Schulalltag bietet. Von der Schulbank in das Abenteuer, das echte Leben, so lautet die Verheißung. Was für eine perfide Verschleierungstaktik, die kaum in Worte zu fassen ist: Schüler, die jahrelang in hässlichen Betonbauten auf Gehorsam gedrillt wurden — wenn nötig mit Ritalin — werden nun in eine neue Form der Unterdrückung gelockt — mit dem Unterschied, dass nicht das Abitur die „Schikane“ ist, sondern ein sich die Kehle aus dem Hals brüllender Oberbefehlshaber.

Deutliche Parallelen zwischen der Glorifizierung von Abitur und Bundeswehrdienst sind unverkennbar. Das Abitur, die Hochschulreife, wird — wie der Name vermuten lässt — mit einer gewissen Reife gleichgesetzt und sei zudem etwas, das es zu feiern gelte. Es sei doch so toll, dass man sich da durchgequält und Dinge auswendig gepaukt habe, die man nie wieder benötigt. Man habe diesen Abi-Stress überlebt — Stichwort „Survival“– und nicht sonderlich anders ist es doch bei der Bundeswehr. Zu oft hörte ich schon von unterschiedlichen Leuten meines Alters Sätze wie:

„Der ist so faul und undiszipliniert, dem hätte es nicht geschadet, wenn er ein Jahr zum Bund gegangen wäre.“ „Beim Bund wäre ihm wenigstens Ordnung und Disziplin beigebracht worden.“ „Was du beim Bund lernst, hilft dir später im Berufsleben.“

Derartige Argumentation machen mich jedes Mal sprachlos und baff, ob der Bereitschaft und Willfährigkeit, sich einem cholerischen Schreihals in Camouflage-Klamotten unterzuordnen und das dann auch noch als etwas Positives für die eigene Entwicklung zu betrachten. Sich vorschreiben zu lassen, wie man sein Bett macht, wie die Klamotten angeordnet sein müssen, wie man zu gehen habe und so weiter.

Glatte, faltenfreie Bettlaken; auf Falte gebügelte Klamotten; makellos geputzte Stiefel — die Kasernenstube als perfekter Spiegel des Inneren eines jeden Soldaten, seiner Seele. In der wird auch alles akkurat gefaltet, jede Regung des verbliebenen kümmerlichen Restes des eigenen Selbst, der Persönlichkeit, wird glattgebügelt, wenn sie den Befehlen zuwiderläuft. Marschschritte werden genauestens orchestriert, Individuen zu einer Einheit verschmolzen, innerhalb der jede Abweichung strengstens bestraft wird — wieder eine Parallele zu einigen Schulen.

Jugendliche werden oft bereits in der Schule ihrer Kindheit, ihrer Kreativität, ihrer Talente beraubt — die Bundeswehr versetzt den Heranwachsenden den Gnadenstoß zur Transformation eines empathischen und begabten Menschen zu einem kahlrasierten Befehlsempfänger.

Sehen wir uns doch einmal zwei der für „Survival“ typischen Charaktere — die diesmal nicht in Einzelvideos mit eigener „Homestory“ vorgestellt werden — genauer an. Jeder der sieben Akteure ist Leutnant in der Offizierslaufbahn an der HSU, der Helmut-Schmidt-Universität, sprich der Universität der Bundeswehr Hamburg.

Was für ein Soldaten-Bild wird hier vermittelt? Dem Anschein nach — alle Protagonisten wurden ja wohl als Vorbild inszeniert — liefern die beiden wohl das Bild junger Menschen ab, wie es der durch Europa wehende Geist der Militarisierung verlangt: Harte, unerschrockene Mädchen und Knaben, die vor nichts zurückschrecken, die gerne an ihre Grenzen gehen und ohne mit der Wimper zu zucken bereit sind, den als „Feind“ deklarierten Gegner augenblicklich zu Fall zu bringen. Nicht umsonst setzt eine Offizierslaufbahn die Bereitschaft voraus, an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teilzunehmen.

Betrachten wir die Protagonisten noch einmal genauer. Wirken die beiden glücklich? Auf mich wirkt Chrissis Lächeln gezwungen, gequält, versteinert. Apropos „versteinert“: Würde ein Theaterregisseur von seinem Schauspieler verlangen, eine brutale und versteinerte Miene aufzusetzen, wäre er doch von Jan schier begeistert, oder? Was sagt uns die Mimik? Auch wenn die Bilder schweigen, kann man „nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick). Während sich Chrissis Ausdruck dem Betrachter nicht so recht offenbaren mag, ist er bei Jan umso eindeutiger:

„Ich knall dich ab!“

Natürlich ist es absurd, anhand eines Bildes auf den gesamten Charakter eines Menschen zu schließen. Schließlich sind Bilder nur Momentaufnahmen einer Millisekunde aus dem Leben eines Menschen. Doch die Bewegtbilder der Serie bestätigen diesen ersten Eindruck immer wieder: Attribute wie „Abgebrühtheit“ und „Grobheit“ werden in „Survival“ glorifiziert und von den Protagonisten personifiziert.

Als Junge in die Kaserne gehen, als Mann wieder rauskommen

Nicht allzu lange ist es her, dass für einen BRD-Jugendlichen kein Weg an der Bundeswehr vorbeiführte. Erst vor acht Jahren wurde die Wehrpflicht abgeschafft, erst seit 2011 heißt es: „Ihr kriegt uns nicht mehr“. Bis dahin war es mit großem bürokratischen Aufwand verbunden, sich dieser „Bürgerpflicht“ zu entziehen. In Zeiten des Kalten Krieges musste man sich gar einer unverfrorenen Befragung unterziehen, was denn die persönliche Veranlassung sei, nicht dem eigenen Land dienen zu wollen? Was man denn tun würde, wenn man mit seiner Freundin im Wald spazieren gehe und plötzlich ein bewaffneter Russe aus dem Gebüsch springen würde?

Dass junge Menschen bis vor wenigen Jahren noch in den Wehrdienst gezwungen und dort ihrer Jugend beraubt wurden, ist ein nahezu unausgesprochener Schrecken und eine Traumatisierung, die hierzulande noch kaum Beachtung fand.

Wie oft berichten Mütter, dass sie ihre Kinder nach dem Militärdienst nicht wiedererkennen? Dass diese danach gealtert schienen? Nicht mehr die gleichen waren? Wortkarg, leblos und oftmals unglücklich.

Selbst wenn man sich aus den Fängen der Wehrpflicht befreien konnte, so war die Musterung für alle 17-jährigen „Knaben“ in der BRD verpflichtend — eine Verweigerung galt als Ordnungswidrigkeit und wurde mit einem Bußgeld geahndet. Allein das war für einen (jungen) Menschen hochgradig traumatisierend: wie ein PKW in die Werkstatt zum TÜV einbestellt und schamverletzend auf die Tauglichkeit für den Militärdienst getestet zu werden.

Das abrupte Absägen der Jugend — nichts anderes war und ist der Wehrdienst — kommt einer zweiten Nabelschnurtrennung gleich.

Da ist man mitten in der Blüte der Jugend, der Nachgeschmack des ersten Kusses haftet vielleicht noch auf den Lippen, die Knie sind von dummen Jugendstreichen aufgeschürft — und plötzlich wird man in die Kaserne eingezogen. Haar ab! Uniform an! Salutieren!

Die Kommentare bornierter Konservativer und „Wie-ein-Mann-Proleten“ zu meiner Haltung hallen jetzt schon durch meine Schädeldecke:

„Ja, mein Gott! Das ist halt so! Irgendwann muss halt der Ernst des Lebens beginnen, ne?! Irgendwie musst du ja auch lernen, ein Mann zu sein! Zähne zusammenbeißen und durch! Da mussten wir alle durch! Da lernst du mal was für später. Und wenn du dann als Mann zurückkommst, stehen auch die Weiber auf dich und nicht auf die Schwuchtel, die ihren Zivildienst im Seniorenheim gemacht hat.“

Sinnsuche beim BUND

Konnte man Jugendliche früher zu diesem unsäglichen Dienst einfach zwingen, muss heute um sie gebuhlt werden. „Mach, was wirklich zählt!“ heißt es jetzt. Das zündet! Was zählt denn heute noch? Wir haben heute keine „großen Krisen“ (Tyler Durden) mehr. Steile Karrieren — so man sie überhaupt einschlagen möchte — bringen oft keine persönliche Befriedigung. Und abseits vom Berufs- und Schulleben bleibt freie Zeit, die sich der junge Mensch vertreibt, mit sinnlosen Hobbys, mit teuren — und deswegen nicht immer erschwinglichen — Eventhopping oder drogenreichen Partynächten. Ein Sinnvakuum entsteht. Es muss gefüllt werden. Das Leben lechzt gierig nach einem höheren Sinn, einer Mission, einer Bestimmung. Und genau hier kommt die Bundeswehr mit scheinbar wichtigen Vorschlägen.

„Die Rekruten“ taumeln von einem falschen Leben ins nächste. Dazu passt dann auch ganz gut der Titel der neuesten Serie, „Survival“, also zu Deutsch „Überleben“. Zur Unterscheidung zwischen „Leben“ und „Überleben“ hat der Traumaforscher wunderbare Worte gefunden:

Der Titel „Survival“ ist sinnbildlich für den Dienst bei der Bundeswehr, aber auch für das falsche, normopathische Leben unserer Gesellschaft (Hans-Joachim Maaz). Es geht nicht mehr um ein echtes, authentisches Leben, in welchem man sich selber fühlt, in dem man mit sich selbst im Kontakt ist, sondern um einen einzigen, egoistischen Überlebenskampf. So dreht sich die „Survival“-Serie, wie sie selbst behauptet, auch um einen „Einzelkämpferlehrgang“. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Bundeswehr raus aus Schulen! Hier sind sowieso schon keine Schüler mehr!

Kehren wir noch einmal zu Chrissi und Jan zurück. Bezeichnend ist, dass beide Bildungs- und Erziehungswissenschaften studieren. Mit was für einer heranwachsenden Generation müssen wir rechnen, wenn solche Menschen unsere Kinder „erziehen“? Aber schwarze Pädagogik, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, mit harten, grausamen Erziehungsmethoden, ist langsam wieder en vogue, wie die von vielen Medien hochgelobte Dokumentation „Elternschule“ besorgniserregend gezeigt hat. So greifen hier die Zahnrädchen Schule und Bundeswehr perfekt ineinander. Könnte man meinen. Doch wie sieht es denn aktuell in der Schule und insbesondere bei den Jugendlichen aus?

Geht es bei der Serie „Survival“ nur um ein Überlebenstraining, oder übt man vielleicht nicht sogar klammheimlich die Aufstandsbekämpfung im Hambacher Forst?

In „Survival“ wird die Natur grundsätzlich als etwas Bedrohliches dargestellt, nicht als Welt, von der wir ein Teil sind, sondern als ein uns umgebendes, bedrohliches Etwas — die Umwelt. Und genau hier liegt die letzte Frage, die wie versprochen für Heiterkeit sorgen kann und für die der Hambacher Forst ein wunderbarer Aufhänger ist.

An Schulen ist es gemeinhin üblich, dass die letzten Stunden vorm Wochenende etwas entspannter angegangen werden. Klischeehaft hierfür steht das „Filme gucken“, etwa im Geschichtsunterricht. Freitags sind des Öfteren Projekttage, beispielsweise zur Berufsvorbereitung. Gerne wird hier auch die Bundeswehr eingeladen.

Gegenwind ist nicht zu fürchten, denn selbst die SPD-Proteststimmen gegen Bundeswehr-Werbung an Schulen werden aus den eigenen Reihen niedergemacht, schließlich dürfe man doch Jungoffiziere nicht davon abhalten, beim großen Arbeitgeber Bundeswehr für Nachschub zu sorgen. Die SPD eben, die Zeit ihrer Existenz schon immer das willfährige Luder war, welches dem Militär gegenüber die Beine spreizte. Aber das ist ein anderes Thema.

Kommen wir nun zur abschließenden Frage — Sie ahnen es vielleicht schon: Wie viele Schüler sind freitags denn aktuell noch in der Schule? Ja, es ist wahrlich ein zum Brüllen komisches Kopfkino, sich das betretene, verständnislose Gesicht eines Jungoffiziers mit herunterhängender Kinnlade in einem schülerleeren Klassenzimmer vorzustellen, in dessen Türrahmen eine schulterzuckende Lehrkraft nur anmerkt, dass die Kinder heute für ihre Zukunft streiken.

Fridays for Future. Not Fridays for Fights!

War die Bundeswehr vergangenes Jahr noch auf Platz 3 des Trendence-Schülerbarometers der beliebtesten Arbeitgeber, dürfte es heute schwerer sein, die für Klimaschutz demonstrierenden Jugendlichen für die Armee zu begeistern.

Das Militär ist nämlich einer der größten Klimasünder überhaupt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Forderungen der jungen Aktivisten, zu denen auch eine Steuer auf Treibhausgasemissionen mit 180 Euro pro Tonne CO2 zählt. Sollte dies realisiert werden, könnte Panzerfahren so richtig teuer werden. Wie lautet eine Parole der Kids so schön?

„Es gibt kein Recht auf Kohlebaggerfahren!“

Das lässt sich leicht umdichten:

„Es gibt kein Recht auf Leopardpanzerfahren!“

Doch nicht „nur“ aufgrund des ökologischen Aspekts wird sich die Bundeswehr die Zähne an den Schulverweigerern ausbeißen. Abgesehen davon, dass die Bundeswehr höchstens ihrer Tarnfarben wegen, nicht aber durch den Umweltschutz „grün“ ist, wird sie bei den Kids keinen Anklang finden, da diese zunehmend für den Militärdienst untauglich werden. Während die körperlichen Voraussetzungen in den meisten Fällen gegeben sein dürften, fehlt jedoch eine ganz andere entscheidende Komponente: der Gehorsam!

Mit Fridays for Future wächst eine Generation von Befehlsverweigerern heran, die — wenn auch nicht alle — ihren eigenen Kopf haben.

Ein eigenwilliger Kopf lässt sich weder mal eben kahl rasieren, noch wartet er darauf, Befehle entgegenzunehmen, weil er bereits in der Schule gelernt hat, dass das Ignorieren von Vorschriften und Anweisungen Wirkung haben kann. Und jeder dieser Köpfe ist aufgrund seiner Dickköpfigkeit und seines Wissens — um die Werte und die notwendigen Handlungen für eine lebenswerte Zukunft — schon zu groß, als dass ihm noch ein Stahlhelm übergestülpt werden kann.

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