Wirtschaftssystem – Wachstum – Klimadebatte

Wachstum und Nachhaltigkeit als Zielkonflikt zu interpretieren, ist oberflächlich betrachtet sicherlich verständlich. Schließlich wird der Begriff „Wachstum“ umgangssprachlich oft schlicht mit „Immer mehr vom Gleichen“ verstanden.

Insbesondere im Zusammenhang mit der Umwelt- und Klimadebatte und der Prämisse, dass nicht regenerative Rohstoffe endlich sind, ist das natürlich problematisch.

Ökonomisch betrachtet ist Wachstum schlicht die Zunahme der Wirtschaftsleistung in einem bestimmten Zeitraum. Als Wirtschaftsleistung wird dabei der Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen verstanden, die während dieses Zeitraums hergestellt bzw. erbracht wurden. Einen wie auch immer gearteten direkten Zusammenhang mit einem Mehrverbrauch nicht regenerativer Rohstoffe gibt es nicht.

Wachstum kann quantitativ oder qualitativ, materiell oder immateriell sein. Je fortschrittlicher eine Volkswirtschaft ist, desto geringer ist in der Regel auch der Rohstoff- oder Ressourceneinsatz, der indirekt mit dem Wirtschaftswachstum einhergeht. Wachstum einfach nur mit Mehrverbrauch gleichzusetzen, ist ein kardinaler Denkfehler, der die Debatte letzten Endes nur blockiert. Was gerne unterschlagen wird: Die mit Abstand wichtigsten Ressourcen für ein Wirtschaftswachstum sind Kreativität und Innovation. Und auf die Idee, Kreativität und Innovation als negativ zu betrachten, muss man erst einmal kommen. Doch dies ist nicht der einzige Denkfehler der „Postwachstumsökonomie“.

Die Welt um uns herum brennt. Die Arbeitslosigkeit in der gesamten EU ist dramatisch hoch. Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. In Griechenland ist die wirtschaftliche und soziale Lage noch dramatischer; auch in Italien geht es bergab. Die zweite Weltwirtschaftskrise steht vor der Tür; sie wird auch Deutschland nicht verschonen. Die erwähnten Länder haben den „Wachstumswahn“ und den „Wachstumszwang“ schon überwunden. Sie schrumpfen und kommen damit den Wünschen der Wachstumskritiker nach. Griechenland ist besonders erfolgreich und schon neun Quartale nacheinander auf Schrumpfkurs. Erfolgreich auf Schrumpfkurs ist auch Spanien; insbesondere bei den Arbeitnehmereinkommen geht es steil bergab.

Erstens: Es ist richtig und überaus wichtig, auf einen schonenden Umgang mit den knappen Ressourcen zu pochen, das Bewusstsein dafür zu schärfen und die notwendigen politischen Entscheidungen zu erzwingen.

Wenn die Wachstumskritiker warnen, wir würden unseren Globus und die uns überlassenen Schätze rücksichtslos plündern und unseren Kindeskindern große Lasten hinterlassen, dann haben sie völlig recht. Auch die Warnung, es sei eher 5 nach 12 als 5 vor 12, ist berechtigt. Aber um diese Warnung los zu werden, muss man nicht auf dem Gebrauch der Wachstumsrate herumdreschen. Denn eine Volkswirtschaft kann statistisch gemessen wachsen, auch wenn Ressourcen geschont werden.

Zweitens: Wenn wir das Bewusstsein für den schonenden Umgang mit der Erde schärfen wollen und wenn wir dafür die Herzen der Menschen öffnen wollen, dann ist es hilfreich, ihnen wirtschaftliche und soziale Sicherheit zu bieten.

Glaubt hier jemand, die 52 % arbeitslosen Jugendlichen in Spanien und die verbliebenen 48 %, denen man Lohn und soziale Sicherheit zusammen streicht, wären für Umweltschutz und für den schonenden Umgang mit unserer Welt zu begeistern oder auch nur zu gewinnen? „Erst das Fressen, dann die Moral“. Bertolt Brecht hat das tendenziell richtig eingeschätzt und wir haben in der kurzen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland immer wieder diese Erfahrung bestätigt bekommen. Zum Beispiel zwischen 1969 und 1974. Die Regierung Brandt und die damalige sozialliberale Koalition haben 1969 mit dem Umweltschutz begonnen. Die Unterstützung für diese Politik brach mit der Ölpreiskrise von 1973/74 ein, als die Menschen Angst hatten um ihre wirtschaftliche Sicherheit. Sie wäre wiederzugewinnen gewesen, wie das damalige Energiesparprogramm zeigte. Aber der Kanzlerwechsel zu Helmut Schmidt hat dann dafür gesorgt, dass die werbende Unterstützung für Umweltschutz und Lebensqualität durch die politische Spitze wegfiel. Dieser Vorgang ist typisch für das Auf und Ab in der Debatte um den Schutz von Umwelt und Ressourcen.

Drittens: Wachstumskritiker sind wie eine verschworene Gemeinschaft und sie übertreiben maßlos.

Sie tauschen untereinander Botschaften aus, ohne dass sie ihre Aussagen belegen und begründen müssen. Man glaubt einander. Der SPD-Politiker Michael Muster zum Beispiel muss nicht begründen, warum er von „Wachstumszwang“ spricht und auch nicht erklären, was eine „Wachstumsfalle“ ist, und warum er das Thema für ein „Megathema“ hält. Die Verschworenen glauben das einfach. Attac kann verlautbaren, es gäbe einen „Wachstumswahn“ – auch das wird offensichtlich ohne Beleg geglaubt. Die Wachstumskritiker nennen Zusammenhänge ohne den Versuch der Begründung – so zum Beispiel mit der Behauptung im Attac-Aufruf vom Frühjahr 2011, die „ungebremste Wachstumsdynamik“ habe sich in der Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise entladen. Auch andere sehen diesen Zusammenhang ohne jeglichen Versuch der Begründung. Sie verbinden Worte ohne logische Verknüpfung. Das ist nahezu in allen Texten zu beobachten, herausragend bei Angelika Zahrnts „Thesen für eine Postwachstumsgesellschaft“. Auch für den Gebrauch dieses seltsamen Wortes reicht das emotionale Signal. Es ist offenbar schick, vor alles mögliche das Wort „Post“ zu setzen. Hier wie bei „Postdemokratie“.

Wer zur Glaubensgemeinschaft der Wachstumskritiker gehört, wird trotz Fehlens von Belegen und von logischen Verknüpfungen mitgenommen. Es reichen die Signale.

Wachstumswahn, Wachstumszwang, Megathema, Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts, alle Regierungen der Welt setzen auf Wachstum, Wachstum habe die Finanzkrise verursacht – dies sind allesamt Glaubenssätze und obendrein unangemessene Übertreibungen.

Viertens: Die Bedeutung der Wachstumsrate als politischer Ziel- und Angelpunkt wird überschätzt. Die Wachstumskritiker tun so, als wäre Wachstum und die Wachstumsrate in der Regel eine operative Größe im Geschäft von Politik und Wirtschaft. Damit wird ein Popanz aufgebaut, auf den sich trefflich einschlagen lässt.

Es gibt sie, die Leute, die nicht genügend PS unter die Motorhaube packen können, und immer wieder das stärkste und teuerste Auto erwerben.
Es gibt in der Welt vermutlich Regierungen, die am Ziel einer möglichst hohen Wachstumsrate kleben. Frau Merkel gehörte dazu. Die Chinesen vielleicht auch. Aber ist diese Fixierung auf Wachstumsraten als Zielgrößen repräsentativ für die Mehrheit der Regierenden und politisch Verantwortlichen?

Wachstum ist, um mit Helmut Kohl zu sprechen, das, was hinten rauskommt. Es wird von den statistischen Ämtern, bei uns vom Statistischen Bundesamt, gemessen, und am Ende des Jahres oder in kürzeren Abständen wird festgestellt, dass die wirtschaftliche Tätigkeit in Produktion und Dienstleistung dazu geführt habe, dass das Bruttoinlandsprodukt um X Prozent gewachsen – oder gesunken – ist.

„Wachstum schafft Einkommen“? Wachstum schafft gar nichts. Wachstum wird am Ende einer Periode gemessen.

„Wachstum trägt zum Wohlstand bei“? Unsinn. Zum Wohlstand trägt bei, dass Menschen arbeiten und dafür Maschinen und möglicherweise auch natürliche Ressourcen nutzen. Und am Ende misst man, wenn man will, um wie viel Prozent die Volkswirtschaft gewachsen ist.

Wenn Sie sich dieses Verständnis von Wachstum klar machen, dann werden Sie viele Formulierungen in der laufenden Wachstumsdebatte als fragwürdig erkennen: „Wachstumszwang“ zum Beispiel. Oder: „Wachstum eröffne Verteilungsspielräume“ und „Ohne Wachstum gäbe es diese nicht“. Oder: In den vergangenen Jahrzehnten sei „Wachstum die große Maschine“, die soziale Integration und gesellschaftlichen Fortschritt möglich gemacht habe, so Michael Müller von der SPD. Meinhard Miegel von der CDU unterstellt den Wachstumsfreunden, sie strebten Wachstum an, weil dadurch möglicherweise zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Sie sehen, hier wird das Wachstum als etwas Eigenes gesehen, aus dem dann etwas anderes, im konkreten Fall Arbeitsplätze, hervorgehen. Stimmt aber nicht. Arbeitsplätze werden geschaffen. Und dann misst man als Ergebnis ein Wachstum.

„Es gibt ein sehr weit verbreitetes Unbehagen in der Bevölkerung, dass die Versprechen, die mit wirtschaftlichem Wachstum verbunden waren, nämlich dass es einen sozialen Ausgleich gibt, dass wir Vollbeschäftigung haben werden, dass wir unsere Umweltprobleme damit lösen werden, dass diese Versprechungen nicht mehr geglaubt werden, weil sie sich de facto als Illusion erwiesen haben.“

Das klingt ganz gut. Aber auch hier wird ein Popanz aufgebaut. Ich wüsste nicht, welcher ernst zu nehmende Verantwortliche versprochen hat, „sozialen Ausgleich“, „Vollbeschäftigung“ und „die Umweltprobleme“ mit wirtschaftlichem Wachstum zu lösen. Politiker und Wissenschaftler, denen man über den Weg trauen kann, wissen, dass man zur Lösung dieser Probleme nicht den Umweg über Wachstumspolitik gehen muss. Vollbeschäftigung erreicht man durch aktive Beschäftigungspolitik einschließlich Arbeitszeitverkürzung; sozialen Ausgleich schafft man mithilfe von öffentlichen Leistungen, die auch die schlecht Verdienenden und ihre Kinder versorgen, oder mit einem solidarischen Rentenversicherungssystem statt der Kommerzialisierung der Altersvorsorge. Und Umweltprobleme geht man mit der entsprechenden Energie- und Verkehrspolitik, mit Ökosteuer und gezielter Umweltpolitik an.

Die zusätzliche Produktion von Gütern und Dienstleistungen, die am Ende als Wachstumsrate erscheint, kann ökologisch hilfreich und ökologisch verheerend gewesen sein. Die Wachstumsrate kann hoch sein, sie kann auch dann steigen, wenn ökologisch Vernünftiges gemacht wird. Dafür gibt es in Deutschland in der Vergangenheit und in der Gegenwart gute Beispiele:

Als die Bundesregierung in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre mit Konjunkturprogrammen, insbesondere mit dem Zukunftsinvestitionsprogramm, dem ZIP, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen versuchte, gab es eine beachtliche Erholung der Konjunktur mit einer Wachstumsrate von durchschnittlich 3,8% in den vier Jahren von 1976 bis 1979. Es gibt ohne Untersuchung dessen, was da gewachsen ist, keinen Grund für negative Urteile über dieses Wachstum.

Ein anderes Beispiel:

In den sechziger und siebziger Jahren drohte der Bodensee zu „kippen“. „Grund dafür waren Einleitungen ungereinigter Abwässer, die zu einem Nährstoffüberangebot im See und in Folge zu einer massenhaften Vermehrung der Algen führten. Der konsequente Ausbau der Abwasserreinigungsanlagen im Einzugsgebiet des Bodensees zeigte Erfolg: heute befindet sich der Bodensee wieder in einem ökologisch stabilen Zustand mit Wasserqualitäten wie zu Beginn der 1960er Jahre“.  Dazu bedurfte es großer Investitionen, die sich mit Sicherheit in einer höheren Wachstumsrate niedergeschlagen haben. Müssen wir deshalb dagegen anrennen?

Fünftens: Es kommt darauf an, was wächst. Auch und gerade in modernen Volkswirtschaften gibt es viel zu tun, und es gibt vieles zu tun, was Ressourcen schont.

Es ist ein großes Missverständnis, zu meinen, Arbeitsplätze würden nur geschaffen, wenn Ressourcen verbraucht werden oder gar Raubbau betrieben wird.

Beispiel Kernkraftwerk Philippsburg. Die Stilllegung dieses Kernkraftwerks wie der Ausstieg aus der Kernenergie insgesamt und der Umbau der Energieversorgung wird sich bei den Wachstumsraten kräftig niederschlagen. Warum regen wir uns also über Wachstumsraten auf?

Die Bäche, die aus dem Pfälzer Wald nach Osten in Richtung Rhein fließen, sind zumeist begradigt. Mit einem Renaturierungsprogramm, könnte man die geplagten Pfälzer Landschaft sanft und ökologisch heilen. Dabei würden auch ein paar Arbeitsplätze geschaffen – und die Aktion schlüge sich in einer steigenden Wachstumsrate nieder.

Hier sind radikale Flurbereinigungen durchgesetzt worden – eine Säuberung der vielfältigen Landschaft von Hohlwegen, Hecken und Bäumen war das. Es gibt aber auch Musterbeispiele für eine ökologisch verträgliche Flurbereinigungen. Warum sollte man die guten Erfahrungen nicht multiplizieren? Dieses Programm schlüge sich in tendenziell steigenden Wachstumsraten nieder, obwohl die Ressource Landschaft dabei gewinnt.

In einem der schönsten Südpfälzer Dörfer, in Rhodt, lebt ein Chemiker, der für die BASF die Umsetzung neuer Erfindungen begleitet hat, so zum Beispiel die Einführung des Wärmedämmstoffs Neopor. Die Produktion von Neopor hat wie schon die von Styropor der BASF Umsätze und Gewinne gebracht; vermutlich hat sich dies sogar messbar in der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts des Landes Rheinland-Pfalz niedergeschlagen. Was ist daran schlimm? Ökologisch ist dieses Wachstum wegen seiner Energie sparenden Wirkung ohnehin eher positiv zu beurteilen. In der Wärmedämmung gibt es auch künftig viel zu tun.

Nehmen wir das Beispiel Alten-Pflegeheim hier in der Pfalz.  Dort sind gerade drei Pflegekräfte für 29 Bewohner verantwortlich, Nachmittags  sogar nur zwei, Nachts eine. Das ist Stress für die arbeitenden Menschen. Es ist unbestritten, dass wir bundesweit im Pflegebereich mehr Personal brauchen. Das würde sich in einer steigenden Wachstumsrate niederschlagen. Ist das schlimm?

Ist es schlimm, wenn wir mehr Geld und mehr Personal in der Jugendarbeit investieren? Für mehr Ferienbetreuung zum Beispiel. Die Jugendarbeit, die notwendig ist, um Hunderttausenden junger Menschen, die weder einen Platz zur Ausbildung noch zur Arbeit gefunden haben, zu helfen, sich dennoch zurecht und eine berufliche Perspektive zu finden, wird Arbeitsplätze und Wachstum schaffen.

Ist es schlimm, wenn wir die Lehrer-Schüler Relation verbessern? Das ist wie auch mehr Sprachunterricht notwendig, wenn wir die Integration von Kindern von Aussiedlern und Ausländern besser schaffen wollen. Wenn die Lehrer-Schüler-Relation verbessert wird, werden neue Lehrer angestellt und bezahlt. Die Wachstumsrate klettert dann. Auch wenn die Kollegien der Schulen systematisch in besseren Unterrichtsmethoden geschult werden, werden damit Werte geschaffen und das Bruttoinlandsprodukt wächst.

Überall wird sichtbar, dass es wenig Sinn macht, sich auf eine Kritik des Wachstums und der Wachstumsraten zu kaprizieren.

Der Oggersheimer Helmut Kohl hat uns zwischen 1982 und 1984 die Kommerzialisierung des Fernsehens beschert und zusammen mit einer Riege von Ministern Jahre später Beratungshonorare von einem der beiden Hauptprofiteure, von Leo Kirch, erhalten. Außer den privaten Nutznießern dieser Entscheidung und der damit verbundenen öffentlichen Subvention privater Profiteure gibt es massenhaft Verlierer: Millionen von vor der Glotze hängenden Erwachsenen und Jugendlichen, mit direktem Einfluss auf das soziale Verhalten und die Gewaltbereitschaft sowie auf das Bildungsniveau. Es ist nach einer Emnid-Studie nach Einführung des Kommerzes im Jahr 1984 messbar gesunken. Wenn Sie den Schaden dieses Wahnsinns der Kommerzialisierung zu heilen versuchen, müssten Sie 10tausende von Psychologen und Sozialarbeitern beschäftigen. Das wäre ein beachtlich großes Wachstumsprogramm. Würden damit ungebührlich Ressourcen der gebeutelten Erde verbraucht?

Das waren einige Beispiele dafür, dass es drauf ankommt, was wächst.

Die Ressourcen mögen endlich sein, das Wachstum nicht.

Es ist immer wieder ein beliebtes Spiel der Wachstumskritiker, in der Argumentation auf die Unmöglichkeit eines exponentiellen Wachstum hinzuweisen und im konkreten Fall dies mit dem Hinweis zu verbinden, die Ressourcen seien endlich, also könne es kein unendliches Wachstum geben. Einmal abgesehen davon, dass es ziemlich weit hergeholt ist, sich im Jahre 2012 mit der Unmöglichkeit des unendlichen Wachstums im Jahre 3025 zu beschäftigen, das statistisch gemessene Wachstum ist nicht endlich. Schon die Reparatur der bisher entstandenen ökologischen und sozialen Schäden verlangt auch in der Zukunft Beschäftigung, die man statistisch erfasst und die sich in positiven Wachstumsraten niederschlagen kann.

Ein verbindendes Element der Wachstumskritiker ist die Vorstellung von der Sättigung.

  • Konservative denken, den Leuten gehe es eh viel zu gut
  • Ökologisch engagierte und an der Bewahrung der Schöpfung Interessierte halten den Konsum aus ethischen Gründen für überzogen.
  • Marxistisch geprägte Menschen sehen ihre Erwartungen erfüllt, der Kapitalismus sterbe an Überproduktion und Sättigung.

Sie spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Eine fatale Koalition. Die Sättigungsthese passt zu den gut versorgten und tonangebenden Mittelschichten und Oberschichten. Dass es nicht allen so gut geht wie der gehobenen Mittelschicht und viele Menschen und Familien berechtigte Bedürfnisse haben, wird oft vergessen.

Sechstens: Die Debatte hat eine Beschäftigungs- und Arbeitnehmerfeindliche Wirkung.

Wer heute dafür eintritt, dass die statistisch gemessene Wachstumsrate gleich Null sein müsse oder negativ, also ein Zeichen für eine schrumpfende Wirtschaft, der ist de facto auch gegen beschäftigungsfördernde politische Entscheidungen. Die Wachstumskritiker sind Kritiker einer aktiven Konjunkturpolitik, die in der jetzigen Situation immer eine expansive Wirtschaftspolitik sein muss. Die neoliberalen Kräfte setzen seit fast 30 Jahren darauf, dass ein Heer von Arbeitslosen und Niedriglohnempfängern entsteht und damit Druck ausgeübt wird auf die Löhne insgesamt. Sie waren mit dieser Strategie ausgesprochen erfolgreich. Die Lohnquote ist im gleichen Zeitraum quasi abgesoffen – von über 70% in den 1970ern auf knapp über 60% heute, die Reallöhne stagnieren, die Lohnstückkosten liegen weit unter dem Niveau der europäischen Entwicklung.

Wer in dieser Situation mit der Forderung kommt, die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft weiter abzuwürgen, der wird die Reservearmee an Arbeitslosen und Besitzern von prekären Arbeitsverhältnissen weiter vermehren und die Position der Arbeitnehmervertretungen und Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt weiter verschlechtern. „Jenseits des Wachstums!“ ist deshalb in der Regel gleichbedeutend mit „Jenseits der Sorge um Arbeitsplatz und berufliche Perspektive!“

Wachstum != Ressourcenverbrauch

Aktuell trägt der Dienstleistungsbereich hierzulande mit 68,2% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das Produzierende Gewerbe macht nur noch rund ein Viertel (25,8%) der Bruttowertschöpfung aus. Das heißt im Umkehrschluss, dass in der deutschen Volkswirtschaft drei Viertel der für das Wirtschaftswachstum relevanten Aktivitäten ohnehin nicht direkt mit einem Ressourcenverbrauch oder -gebrauch in Verbindung stehen. Natürlich agiert auch der Dienstleistungsbereich nicht im luftleeren Raum. Aber selbst überzeugten Postwachstumsideologen dürfte es nicht gelingen, einen kausalen Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Entwicklungen von Bildungsträgern, Altenheimen, Gastronomiebetrieben, Werbeagenturen oder Medienkonzernen mit einem – vielleicht sogar linearen – Mehrverbrauch an endlichen Ressourcen herzustellen.

Wenn mehr Lehrer und Dozenten eingestellt werden, erzeugt dies Wachstum. Wenn der Personalschlüssel in der Kranken- und Altenpflege verbessert und dadurch die Pflege gestärkt wird, erzeugt dies Wachstum. Wenn mehr Menschen einen Musikdienst wie Spotify abonnieren, ins Kino gehen, sich ein Computerspiel kaufen oder ins Restaurant gehen, erzeugt dies Wachstum. Dieses Wachstum hat aber nichts mit einem direkten – und nur sehr, sehr wenig mit einem indirekten – Mehrverbrauch an Ressourcen zu tun. Wenn der Dienstleistungsbereich heute Ressourcen verbraucht, so ist dies vor allem auf den Energiesektor zurückzuführen.

Der mit Abstand größte volkswirtschaftliche Sektor, der auch den mit Abstand größten Teil zum Wachstum beiträgt, hat also im weitesten Sinne gar nichts mit einem wie auch immer gearteten Ressourcenverbrauch zu tun. Alleine schon deshalb ist die pauschale Aussage, Wachstum und Ressourcenverbrauch seien – womöglich gar linear – gekoppelt, schlicht Unsinn.

Ein wenig komplexer stellt sich der Zusammenhang im Produktionssektor dar. Aber auch hier gibt es natürlich keinen direkten Zusammenhang zwischen der Wertschöpfung und dem Verbrauch von Ressourcen. Ob man beispielsweise eine Tonne Papier nun aus Holz oder im Recyclingverfahren aus Altpapier herstellt, spielt für die Bemessung der Wertschöpfung erst einmal keine Rolle. Dankenswerterweise erinnert Heiner Flassbeck in seinen Beiträgen zur Diskussion an die zentrale Stellschraube für den Prozess, der in der Debatte als „Entkopplung“ beschrieben wird: Den Preis.

Der Preis ist die entscheidende Stellschraube

Bei hochpreisigen Rohstoffen wie Gold, Platin oder auch Kupfer haben wir schon heute eine sehr hohe Recyclinghöhe. Ganz einfach, weil es effizienter und damit produktiver ist, diese Rohstoffe in einem Kreislauf zu nutzen, als sie linear aus der Erde zu holen, aufzuarbeiten und dann nach der Nutzung zu entsorgen. Die Kreislaufwirtschaft steigert in diesen Fällen also die Wertschöpfung und trägt damit zum Wachstum bei. Wer will, dass mehr Rohstoffe in der Erde bleiben, muss also über die Preisschraube die lineare Nutzung dieser Rohstoffe verteuern und die Kreislaufwirtschaft attraktiver machen. Man sollte ohnehin dazu übergehen, die Volkswirtschaft vom Ressourcenverbrauch auf einen Ressourcengebrauch umzustellen. Das hat aber nichts mit dem Wachstum zu tun.

Im Produktionsbereich ist es auch keinesfalls so, dass Umweltschutz und Wachstum ein Zielkonflikt sein müssen. Wenn man beispielsweise die Emissions- und Immissionsrichtlinien verschärft und so dafür sorgt, dass Produzenten in Umwelttechnologien investieren müssen, um die schärferen Richtlinien einzuhalten, erzeugt man damit ja eben Wachstum. Schon vor zehn Jahren arbeiteten 1,2 Millionen Deutsche in der Umweltwirtschaft, dem viel zitierten Greentech-Sektor – mehr als in der Autobranche. Greentech ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Wachstumssektoren. Nun sind Betriebe aber von Natur aus nicht altruistisch, sondern müssen dazu getrieben werden, in den Umwelt- und Klimaschutz zu investieren und ehemals lineare Prozesse auf eine Kreislaufwirtschaft umzustellen. Das geht mittels Ordnungspolitik (Verbote, Richtlinien), aber vor allem auch über den Preis.

Es ist daher auch kontraproduktiv und überhaupt nicht zielführend, eine Debatte zu führen, die Wachstum und Ressourcenverbrauch als Zielkonflikt definieren will und im Wachstum sogar das eigentliche Übel sieht. Unser derzeit irres Konsumverhalten ist vor allem eine Folge irrer Preise. Wenn der Endverbraucher sich heute ein T-Shirt für zwei Euro per Luftfracht aus China bestellen kann, ist dies eine groteske Folge des globalen Freihandels, die aber auch nur möglich ist, weil der Preis für den globalen Transport von Waren derart grotesk billig ist. Würde der Preis steigen, würden auch regionale Wertschöpfungsketten oder die Nutzung von Kreisläufen statt des linearen Verbrauchs attraktiver werden. Je höher der Preis, desto stärker der Anreiz. Und dies hat gar nichts mit ideologischen Motiven zu tun, sondern ist in diesem Falle rein ökonomisch bedingt. Kreativität und Innovation sind ja vorhanden – solange kreative und innovative Alternativen aber nicht auch ökonomisch attraktiv sind, haben sie auch kaum eine Chance, sich durchzusetzen.

Keine Denkverbote durch Denkfehler

Da kreative und innovative Alternativen aber keinesfalls wachstumsneutral sind, sondern ganz im Gegenteil ja eben umgesetzt werden, um die Produktivität zu steigern und damit zum Wachstum beizutragen, führen ideologische Scheuklappen, die Wachstum per se als negativ brandmarken und einen abstrakten Verzicht einer nachhaltigen Transformation vorziehen, auch in eine absurde Situation. Dies setzt sich auch in der Klimadebatte fort. Klimaschonende Produktionsketten, Verkehrslösungen oder Energiekonzepte sind schließlich keineswegs inkompatibel zu unserer Marktwirtschaft. Ganz im Gegenteil. Man muss „nur“ an den richtigen Stellschrauben drehen, dass diese Alternativen für die Bürger und die Unternehmen, die damit Geld verdienen wollen, ökonomisch attraktiv werden.

Dass dies einige wenige Soziologen und Wirtschaftsjournalisten aus dem Umfeld von taz und Co. anders sehen, ist erstaunlich, passt aber wohl zum linksliberalen Zeitgeist, der ökonomische und soziale Fragen hintanstellt und stattdessen lieber auf abstrakter Ebene verschrobene Theoriedebatten in Parallelwelten führt, in denen ökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten. Das mag für die Beteiligten ja als sinnstiftend und intellektuell befruchtend wahrgenommen werden – der gesellschaftlich nötigen Debatte erfüllen derart weltfremde Gedankenspiele aus dem Elfenbeinturm jedoch einen Bärendienst und stellen vor allem für progressive Anstöße einen Stolperstein dar.

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