Mauerdurchbruch

„Sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen, das ist nicht genug. Wir, das Volk müssen lernen zu regieren. Die Macht gehört nicht in die Hände eines einzelnen oder ein paar weniger, oder einer Clique von Superreichen und Konzernchefs, oder eines Apparates oder einer Partei.“ „Alle müssen teilhaben an dieser Macht. Und wer immer sie ausübt und wo immer, muss unterworfen sein der Kontrolle der Bürger.“

Dass heute auch hierzulande von Bürgerkontrolle — oder von „Glasnost“, Transparenz der Politik — keine Rede sein kann, ist mittlerweile so offenkundig, dass ich keine Belege dafür anführen muss. Aber auch die damals auf dem Alexanderplatz erhobene Forderung nach dem Ende der Bespitzelung durch Geheimdienste hat sich ja, wie mittlerweile nicht mehr zu verleugnen, mit dem Ende der DDR nicht erledigt. Und Kritik an systematisch desinformierenden Massenmedien ist im Deutschland des Jahres 2019 ebenfalls längst wieder bitter nötig.

Die Geschehnisse des 4. November 1989 laden daher ein zum Erinnern — und zum Vergleichen: Wie aufrecht ist unser Gang heute? Was haben sich die ehemaligen DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger davon erhalten, was sich da im Herbst ‘89 an Mut, Kreativität, Aufbruchsstimmung zeigte? Diese Frage ist umso drängender, als die „rechts“lastige faschistische AfD-Führung bei den letzten Landtagswahlen erfolgreich Parolen missbrauchte, die seinerzeit dazu gedacht waren, im östlichen Teil Deutschlands einen demokratischen Sozialismus entstehen zu lassen. Nur, wie gesagt: Das weiß inzwischen kaum noch jemand.

Ein Redner, der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, rekapitulierte am 4. November 2004 in einem Interview die Bedeutung dieses Tages:

„Als er am 4. November auf dem Alexanderplatz zu Toleranz und Friedfertigkeit aufrief — hatten er noch keine Ahnung, was fünf Tage später geschehen würde?

Und er hatte zu diesem Zeitpunkt auch nicht die geringste Sehnsucht nach dem, was man heute fälschlicherweise den Mauerfall nennt.

Fälschlicherweise?

In Wahrheit nahm sich das Volk das Recht, die Mauer zu überwinden. In Wahrheit war es kein ‚Mauerfall‘, sondern ein Mauerdurchbruch.

Die größte Demonstration der DDR-Geschichte forderte nicht die Einheit, sondern einen besseren Sozialismus.

Während jetzt einmal mehr die Sektkorken knallen beim Gedenken an den 9. November 1989, bleibt ein anderer Tag weiterhin vergessen und verdrängt: Der 4. November 1989, als auf dem Alexanderplatz in Berlin eine eindrucksvolle Massendemonstration stattfand. Dabei war es der Höhepunkt des Bemühens, im Osten Deutschlands etwas zu errichten, was noch immer eine gute Idee ist: demokratischer Sozialismus.

Am 19. Januar 1989 konstatierte Erich Honecker, SED-Generalsekretär und Vorsitzender des Staatsrates:

„Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.“

Dass diese Einschätzung im Westen ebenfalls nicht nennenswert infrage gestellt wurde, belegte im selben Monat eine Entscheidung der Axel-Springer-Presse: Jahrzehntelang hatte man dort DDR in Gänsefüßchen gesetzt, um deren Existenzrecht zu bestreiten. Damit sollte nun Schluss sein.

Ein Dreivierteljahr später war die Situation grundlegend verwandelt. Im Sommer hatten Zehntausende DDR-Bürgerinnen und -Bürger ihr Land — vor allem über die sich öffnende ungarische Grenze — in Richtung Westen verlassen. Oppositionsgruppen wie das „Neue Forum“ gewannen enorm an Zulauf, in Leipzig und anderen Städten forderten immer mehr Menschen auf „Montagsdemonstrationen“ Reformen ein. Am 7. Oktober versuchte die SED-Führung, den 40. Jahrestag der DDR zu begehen als sei alles beim Besten. Polizei und Staatssicherheit schlugen noch einmal zu — im wörtlichen wie übertragenen Sinne — als sich auch dagegen Protest erhob. Am 18. Oktober wurde Erich Honecker vom SED-Politbüro in den erzwungenen Ruhestand geschickt und durch Egon Krenz als SED-Generalsekretär abgelöst. Die DDR-weiten Demonstrationen schwollen weiter an. Am 9. November öffnete sich die Berliner Mauer …

Fragwürdiger Mauerfall-Kult

Offiziell übliche Sichtweisen werten dieses Geschehen heute meist so: Die DDR-Bürgerinnen und -Bürger hatten von ihrem Staat schon lange die Nase voll und gingen dafür auf die Straße, um endlich auch so leben zu können wie im Westen; die „friedliche Revolution“ erzwang zu diesem Zwecke die Grenzöffnung, dann kamen die Wiedervereinigung und mit ihr die langersehnte Freiheit. Im Grunde, so der falsche Tenor, erhielt die DDR-„Wende“ ihre Krönung durch den von Beginn an intendierten Mauerfall.

Doch in Wirklichkeit läutete der 9. November das Ende der Versuche ein, innerhalb der DDR eine politische „Wende“ herbeizuführen. Was es an revolutionärer Energie gegeben hatte, verpuffte nun, diffundierte durch die aufgerissene Grenze in den kapitalistischen Nachbarstaat.

Statt das in vieler Hinsicht marode DDR-System weiter umzukrempeln, forderte bald darauf eine Mehrheit, möglichst reibungslos in einem anderen — keinesfalls veränderungswilligen — System aufgehen zu dürfen. Aus dem antiautoritären Ruf „Wir sind das Volk!“ der Montagsdemonstranten wurde die Vereinnahmungsbitte „Wir sind ein Volk!“.

Das Tempo dieses Umschwungs bewies: Das Interesse der Massen an einer DDR-Erneuerung kann nicht so tiefgründig gewesen sein, wie es vor dem Mauerfall den Anschein hatte. Die politischen Aktivisten hatten in ihrem Engagement vorübergehend viele andere mit sich gerissen — die ihr Mäntelchen schnell wieder nach dem — nun aus Richtung Westen blasenden — Wind hängen lassen sollten. Eine ganze Reihe der Aktivisten hielten es mit Letzterem allerdings genauso.

Für demokratischen Sozialismus

Die Vision, welche ursprünglich die DDR-„Wende“ motivierte, hatte jedoch mit einem alsbald vereinigten Deutschland gar nichts zu tun. Da ging es allermeist um etwas völlig anderes: um „wirklichen“, „richtigen“, „demokratischen Sozialismus“, um die Übernahme von Perestroika und Glasnost aus der von Michail Gorbatschow geführten Sowjetunion.

Dazu wurde unter anderem die Aufhebung der SED-Alleinherrschaft gefordert, demokratische Wahlen, die Zulassung von Bürgerrechtsbewegungen, Versammlungs- und Redefreiheit, die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und das Ende geheimdienstlicher Überwachung, die ungeschminkte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, inklusive des Stalinismus, das Offenlegen der ökonomischen Misere, das In-Angriff-Nehmen der ökologischen Probleme, die Beendigung von Pressezensur und Verdummung durch weitgehend gleichgeschaltete Medien, die Einführung nichtautoritärer Schulmodelle oder der Ausbau von Fahrradwegen. Mit anderen Worten: eine ebenso brisante wie bunte Mischung kreativer Vorschläge zur Reformierung und Verbesserung der Deutschen Demokratischen Republik — nicht zu ihrer Abschaffung.

Es gibt zahlreiche Dokumente, die diese ursprüngliche Stoßrichtung belegen. Dazu gehört eine von mehr als 3.000 Rockmusikern, Liedermachern und Unterhaltungskünstlern wie Gerhard Gundermann, Tamara Danz oder Lutz Kerschowski unterschriebene, am 18. Oktober 1989 veröffentlichte Resolution.
Dort hieß es:

„Wir (…) sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und über die unerträgliche Ignoranz der Partei- und Staatsführung, die vorhandene Widersprüche bagatellisiert und an einem starren Kurs festhält. Es geht nicht um ‚Reformen, die den Sozialismus abschaffen‘, sondern um Reformen, die ihn weiterhin in diesem Land möglich machen.“

Noch am 26. November verlas Stefan Heym den unter anderen von Christa Wolf formulierten Aufruf „Für unser Land“:

„Entweder

können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, daß, veranlasst durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflussreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik Deutschland vereinnahmt wird.

Last uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind.

Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.“

Knapp 1.170.000 DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger setzten ihre Namen darunter. Doch auch sie konnten nichts mehr daran ändern, dass die BRD-Führung unter Helmut Kohl nun die Führung eines Prozesses übernahm, den Daniela Dahn 2019 als „feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen“ charakterisierte. Oder auch als „Aufbruch nach Kohlrabien“.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.