Der Mensch als Ware

Die Liberalisierung der Arbeitsmärkte muss sofort gestoppt werden — im Namen der Menschenwürde.

Das Problem ist, kurz gesagt, dass Unternehmen nicht mehr Menschen engagieren und ihnen ein Tätigkeitsfeld zuordnen, sondern dass man abgeschlossene Jobs nach dem Prinzip Hire and Fire im Rahmen kurzfristiger Mitarbeit und oft ohne Sozialabgaben vergibt. Bedürfnisse außerhalb dieses Arbeitsverhältnisses spielen keinerlei Rolle, und das greift in immer stärkerem Maße die Würde des Menschen an. Der Arbeitgeber verschiebt das unternehmerische Risiko so weit wie möglich auf den Arbeitnehmer und hält sich aus allem raus.

Die sinkende Profitrate hat ja auch dazu geführt, dass zahlreiche Arbeitsvorgänge in Billiglohnländer outgesourct wurden, was dort bekanntlich schon vor Jahrzehnten zu katastrophalen Arbeitsbedingungen geführt hat.

die Freiheit der Investoren ist da grenzenlos. Nobelmarken wie Boss oder Armani lassen in osteuropäischen Ländern ihre Produkte von Menschen fertigen, die sieben Tage in der Woche zu einem Niedriglohn arbeiten, der nicht einmal Existenz sichernd ist. Sie dürfen nicht einmal auf die Toilette gehen und müssen Windeln anziehen! Sie nehmen abends Schlaftabletten und morgens Aufputschmittel, um überhaupt durchzuhalten. Und wenn sie krank werden, treffen sie auf Ärzte, denen man unter der Androhung von Entlassung verboten hat, sie krank zu schreiben. Die Bildung von Gewerkschaften wird überall behindert und sanktioniert. Das Schlimme ist, man findet immer noch einen Ort auf der Welt, wo es noch schlechtere Arbeitsbedingungen gibt. Und da geht das Kapital dann hin.

Heißt also, in den Industrieländern, werden nur noch die Arbeiten vergeben, die man nicht in andere Länder outsourcen kann, und auch bei denen ringt man im „race to the bottom“ um die billigsten Beschäftigungsverhältnisse.

Unter Helmut Kohl wurden in den 1990er Jahren gesetzliche Änderungen eingeführt, die es den Unternehmern erleichterten, Arbeit auf Abruf anzubieten. Um die Jahrtausendwende hat Schröder das dann mit seiner neoliberalen Agenda 2010 auf die Spitze getrieben. Gesetze zu Arbeitsschutz, Arbeitszeit und so weiter wurden total gelockert. Zum Beispiel konnte man plötzlich Arbeitsverträge grundlos befristen, das war vorher nicht möglich. Oder 420-Euro-Jobs konnte man früher nicht so einfach vergeben. Heute sind fast 20 Prozent der Arbeitnehmer geringfügig beschäftigt.

Hinzu kommt, dass sich solche Arbeitsverhältnisse aus dem klassischen Bereich des Niedriglohnsektors auf Ebenen mit höchstem Bildungsniveau ausgebreitet haben. Auch Wissenschaftler und hoch ausgebildete Fachkräfte werden oft nur noch über kürzeste Zeiträume beschäftigt und generell versucht man, aus allen das Letzte herauszuholen. Und wer nicht mehr gebraucht wird, kann gehen, egal wie sehr er oder sie sich vorher für seine Arbeit eingesetzt hat.

An der Hardware, also am Einsatz von Technik kannst du nicht einsparen. Der Zwang, immer und überall Personalkosten zu sparen, zieht sich durch alle Bereiche der Gesellschaft und auch durch alle Beschäftigungsmodelle. Der Druck nimmt für alle Arbeitnehmer zu.

Eine weitere gravierende Folge ist die Atomisierung der Gesellschaft, also die wachsende Vereinzelung. Die Beteiligung des Einzelnen am sozialen Leben geht rapide zurück. Menschen gründen keine Familien mehr, engagieren sich nicht mehr in Vereinen. Sie sind zu sehr mit ihrer eigenen Optimierung für den Arbeitsmarkt beschäftigt, was aber dazu führt, dass das soziale Bindegewebe unserer Gesellschaft zerreißt.

Menschen in sozialer Isolation werden häufiger krank und sterben früher. Einsamkeit ist inzwischen ein ebenso großes Gesundheitsrisiko wie Rauchen oder Alkoholismus. Da müsste der Staat eigentlich aktiv werden und soziale Netzwerke unterstützen. Bei uns entwickelt sich ein Phänomen, das man früher nur aus den USA kannte, dass Menschen zum Teil vier bis fünf Jobs haben, um zu überleben.

Das heißt, Millionen Menschen stehen für bestimmte Aufgaben an ihrem privaten Schreibtisch auf Abruf zur Verfügung, ohne dass man ihnen einen Arbeitsplatz einrichten oder sich in irgendeiner Weise um sie kümmern muss. Und für all das gibt es keinerlei gesetzliche Regelungen. Während die prekären Beschäftigungsverhältnisse im digitalisierten Raum boomen, hinkt der Gesetzgeber vollkommen hinterher. Zumal das Ganze ja globalisiert ist und deshalb völlig unklar, wie man da überhaupt noch mit Gesetzen reagieren kann. Der Mensch wird überhaupt nicht mehr als eigenständiges Wesen gesehen, etwa welche Voraussetzungen er mitbringt oder unter welchen Umständen er arbeitet.

Die meisten Bewertungen entstehen digital nach Kriterien, wie schnell und wie preiswert etwas geleistet wird. Dabei hat der Beschäftigte keine Möglichkeit, selbst Informationen zu übermitteln. Ein Fahrradkurier kann zum Beispiel nicht melden, dass er im Stau steht oder einen Unfall hatte. Solche Unternehmen haben gar keine Angestellten mehr, mit denen die Beschäftigten kommunizieren könnten. Die Konsequenz des Ganzen ist, jede Kurierfahrt ist gleichzeitig ein Wettrennen um den nächsten Job.

Wobei rasende Fahrradkuriere ja schon zu einer Gefahr für den öffentlichen Verkehr werden. Das Schlimme ist dabei, dass die Mitarbeiter untereinander in einem erbitterten Wettkampf stehen. Jeder ist der Konkurrent des anderen. Der Mensch ist unter diesen Marktgesetzen also wie eine Ware, die sich unter hohem Konkurrenzdruck permanent selbst verkaufen muss.

Die Soziologin Eva Illouz hat in ihren Untersuchungen gezeigt, wie sich dieser ständige Konkurrenzdruck auf die Beziehungsfähigkeit der Menschen auswirkt, und ist zu erschreckenden Ergebnissen gekommen. Etwa, dass jemand, der eine Beziehung aufnehmen will, sich benimmt wie jemand, der sich gerade um einen Job bewirbt. Verletzlichkeiten werden nicht gezeigt. Aber der offene Umgang mit Schwächen ist ja eine Voraussetzung dafür, dass Liebe und Vertrauen entstehen können.

Die Unsicherheit, die Menschen heute in ihren Arbeitsverhältnissen erleben, führt auch im Privaten zu Unsicherheiten. Du bist ja ständig infrage gestellt und dadurch kaum noch in der Lage, dich in Ruhe mit deinem Partner auseinanderzusetzen, ohne dass du das gleich wieder als Druck erlebst.

Dafür entwickelt sich die private Beziehung immer mehr selbst zu einem Markt, etwa auf Dating-Portalen oder Angeboten für Singles. Das heißt also, der Mensch entwickelt sich aufgrund seiner Arbeits- und Lebensverhältnisse immer mehr zur Beziehungsunfähigkeit und wird dadurch zum Konsumenten für den Beziehungsmarkt, was am Ende zur Vermarktung des gesamten Lebens führt. Genau, und so wie Digitalisierung neue kurzfristige Bindungen schafft, verhindert sie die Entstehung stabiler Beziehungen. Sich auf einen anderen Menschen einzulassen, ohne parallel digital zu kommunizieren, findet immer weniger statt. Sei es, weil man beruflich nonstop erreichbar sein muss oder weil man sich schon so daran gewöhnt hat.

Wenn Kinder kaum noch erleben, dass ihre Eltern sie ansehen, weil die ständig auf ihr Handy gucken, entwickeln sich gravierende Bindungsschäden.

Es gibt inzwischen über 2000 Unternehmen, die sich den Prinzipien der Gemeinwohlökonomie unterordnen, also soziale und nachhaltige Kriterien in ihre Bilanzen einbeziehen und sich zu entsprechenden Standards verpflichten, Tendenz steigend. Man behauptet ja, dass nichts Gutes im Falschen entstehen kann. Aber inzwischen gibt es sogar mehrere Gemeinwohl-orientierte Gemeinden, und das ist toll. Wenn ein Bürgermeister von der Idee überzeugt ist, kann er auch durchsetzen, dass er nur Unternehmen in seiner Gemeinde zulässt, die sich nach Gemeinwohl-Kriterien zertifizieren lassen, also auch was die Arbeitsbedingungen betrifft. Das hält den Betrieb und die Menschen am Ort. Lösungen sind vor allem auf lokaler, regionaler Ebene möglich.

Wir brauchen eine Ausbreitung dieser Idee, und das ist nur durch Vernetzung möglich oder durch gemeinsame Lösungen. Etwa, wenn eine Bank Unternehmen für das Gemeinwohlzertifikat mit günstigen Krediten belohnt. Vor allem ist es etwas, was man heute schon machen kann, ohne auf eine Revolution zu warten. Das Wichtigste ist: Die Leute müssen sich organisieren. Und es gibt ja schon Widerstand. Da, wo du politisch gute Leute hast, schließen sich die Betroffenen zusammen. So arbeiten die ehemaligen Foodora-FahrerInnen in Münster, die jetzt bei Lieferando sind, an der Gründung eines Betriebsrates. Wir brauchen auf jeden Fall eine Bewegung von unten, die sich der ganzen Problematik bewusst ist.

Gebt anderen Menschen die Möglichkeit, aktiv und damit auch Teil einer Gemeinschaft zu werden.

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