Das elfte, das Auschwitzgebot befolgen: »Seid nicht gleichgültig.«

Deutschlands verdrängtes koloniales Erbe. „Spätestens mit dem Aufstieg der AfD ist Deutschlands Ruf als ehrlicher Aufarbeiter der eigenen Vergangenheit dahin.

Auschwitz steht heute weltweit als Synonym für das – neben der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und dem Vernichtungskrieg in den besetzten Gebieten der Sowjetunion – schlimmste Verbrechen des deutschen Faschismus: für den industriellen Massenmord an Menschen, die seinen Rassenvorstellungen nicht entsprachen oder nicht in seine Weltherrschaftspläne passten. In Auschwitz wurde mehr als eine Million Menschen getötet, weil sie Juden, Sinti und Roma oder Slawen, sowjetische Kriegsgefangene, politische Gegner oder mit anderen Begründungen aus der »Volksgemeinschaft« Ausgegrenzte waren.

Dabei war dieses Konzentrationslager im Süden Polens in seinen Anfängen 1940 noch nicht mit der Massenvernichtung verbunden, sondern zunächst eine Konsequenz des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939, der faschistischen Besatzungspolitik und der expansionistischen Pläne von einer faschistischen »Neuordnung der Welt«. Zu diesen Neuordnungsplänen gehörte die Germanisierung des sogenannten Warthegaus. Polnische Bewohner wurden vertrieben und »Volksdeutsche« mit ihren Familien in den geräumten Häusern, Dörfern und Höfen angesiedelt. Zugleich wurde ein Terrorapparat installiert, der jeglichen Widerstand der Polen im Kern ersticken sollte. Teil dieses Apparates war das im Juni 1940 errichtete KZ Auschwitz.

Der Aufbau des Lagers – Der Grundstock des Konzentrationslagers war eine ehemalige polnische Artilleriekaserne, die in den 1920er Jahren erbaut worden war. Sie bildete das Stammlager, auch KL Auschwitz I genannt, wobei mehrere Kasernengebäude der Verwaltung des KZ-Komplexes dienten. Im Mai 1940 traf zum Aufbau des Lagers ein Vorauskommando unter SS-Scharführer Gerhard Palitzsch mit einer Gruppe von dreißig Funktions­häftlingen aus dem KZ Sachsenhausen (zumeist Trägern des »grünen Winkels«, also Personen, die vom Naziregime als Kriminelle verurteilt worden waren) in Auschwitz ein. Diese Häftlinge wurden im Sinne der SS als Kapos, als Blockälteste oder in der inneren Organisation des neu aufzubauenden Lagers eingesetzt. Am 14. Juni 1940 trafen die ersten 728 polnischen Häftlinge ein. Das gilt gemeinhin als Gründungsdatum des KZ Auschwitz. Das Lager bestand anfangs aus 20 Häusern, in denen bis zu 10.900 Häftlinge, hauptsächlich Polen, untergebracht waren. Es galt zuerst als »Schutzhaftlager«, später als Lager der Stufe II für »schwerer belastete, jedoch noch erziehungs- und besserungsfähige Häftlinge«.

Am 1. März 1941 inspizierte der »Reichsführer SS« Heinrich Himmler mit einer größeren Abordnung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Auschwitz. Nach diesem Besuch legte Himmler die neue Dimension des Lagers fest: Das Stammlager sollte auf eine Kapazität von 30.000 Häftlingen ausgebaut, und im Gebiet des Dorfes Brzezinka (Birkenau) sollte ein Lager für 100.000 Kriegsgefangene errichtet werden. Ferner war vorgesehen, dem IG-Farben-Konzern zum Aufbau von Rüstungsproduktionsstätten in Dwory etwa 10.000 Häftlinge als Arbeitssklaven zu liefern. Außerdem sollten im Umfeld der Lager weitere Rüstungsbetriebe errichtet werden, da die SS bei der Versorgung der Wehrmacht mit Waffen und Munition einen wichtigen Platz einzunehmen gedachte. Am 7. April 1941 verkündet die IG Farben offiziell die Gründung eines Unternehmens zur Herstellung von synthetischem Kautschuk in Auschwitz. Dieses Vorhaben ist der dunkelste Fleck in der Geschichte des Unternehmens. Wie viele zehntausende Zwangsarbeiter für die IF Farben ihr Leben ließen, ist nicht genau bezifferbar. Die Schätzungen reichen von 40.000 bis 200.000, wobei letztere Zahl zu hoch sein dürfte.

In Auschwitz-Birkenau entstanden das Quarantänelager für Neuankömmlinge, die als Häftlinge registriert wurden, ab August 1942 das Frauenlager, das Männerlager, das ursprünglich für die sowjetischen Kriegsgefangenen vorgesehen war, das Effektenlager – zynisch »Kanada« genannt, da dieses Land in den 30er Jahren Ziel vieler Ausreisewilliger war –, in dem das Eigentum der eingelieferten Häftlinge im Sinne der SS verwahrt wurde, sowie der Häftlingskrankenbau, wo Häftlinge als Ärzte und Pfleger im Rahmen ihrer Möglichkeiten medizinische Notversorgung leisteten.

Zusätzlich wurden ab 1943 noch drei Sonderabschnitte eingerichtet: das »Zigeunerlager«, das vom Frühjahr 1943 bis August 1944 die zur Vernichtung nach Auschwitz deportierten Familien der Sinti und Roma aufnahm, das Theresien­städter Familienlager, in das seit Herbst 1943 Deportierte aus dem dortigen Ghetto eingeliefert wurden, und das Lager »Mexiko«, das ab Mai 1944 für die nach Auschwitz deportierten ungarischen Juden genutzt wurde. Parallel zu dem Ausbau des Lagers Auschwitz-Birkenau vollzog sich in Abstimmung mit dem IG-Farben-Konzern der Aufbau der Buna-Fabrik in Monowitz.

Die Häftlingszahlen

Nach heutigem Kenntnisstand wurden mindestens 1,3 Millionen Menschen aus mehr als 30 verschiedenen Nationen nach Auschwitz deportiert. Von denen wurden 400.000 Häftlinge registriert, davon war etwa ein Drittel Frauen. Zu ihnen gehörten etwa 205.000 Juden, 130.000 bis 140.000 Polen, etwa 21.000 Sinti und Roma, ungefähr 12.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 25.000 Häftlinge verschiedener Nationalitäten.

Die ersten waren polnische politische Häftlinge. Die Kategorie »politischer Häftling« wurde dabei sehr weit gefasst und umfasste alle jene, die potentiell als Bedrohung für die faschistische Besatzungspolitik angesehen wurden. Dazu gehörten auch Priester und kirchliche Laien sowie Intellektuelle, Lehrer, Journalisten und Künstler, denen man eine oppositionelle Haltung unterstellte. Schon 1941 kam die erste größere Gruppe polnischer Juden in das Lager.

Im Vorgriff auf den geplanten Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde das Lager für die massenhafte Unterbringung sowjetischer Kriegsgefangener vorbereitet. Der Aufbau des Vernichtungslagers Birkenau hing direkt mit diesen Vorbereitungen zusammen, auch wenn die Kriegsgefangenen aus der UdSSR letztlich die kleinste Gruppe unter allen Häftlingen ausmachten.

1942 kamen die ersten Frauen nach Auschwitz. Im März desselben Jahres wurde im Stammlager ein Frauenbereich eingerichtet. Zehn Blöcke wurden dafür durch eine Mauer abgetrennt und für die Internierung von Frauen vorbereitet. Als der erste Häftlingstransport mit 144 Frauen am 19. März bereits vor Beendigung der Baumaßnahmen eintraf, wurden alle neu Ankommenden erschossen. Erst am 26. März wurde der erste Transport von knapp 1.000 Frauen mit »grünem Winkel« aus dem KZ Ravensbrück in ­Auschwitz aufgenommen. Diese Frauen sollten als Funktionshäftlinge zum Aufbau des Frauenlagers eingesetzt werden. Ende April stieg die Zahl der eingelieferten Frauen bereits auf mehr als 6.000. Formal handelte es sich in dieser Zeit noch um ein Außenlager von Ravensbrück. Im Juli wurde dieser Lagerbereich dem KZ ­Auschwitz unterstellt, bevor ab August alle Frauen aus dem Stammlager in das neu errichtete Frauenlager in Auschwitz-Birkenau verlegt wurden.

Auch Kinder und Jugendliche waren unter den Opfern von Auschwitz. Sie kamen mit den großen Sammeltransporten im Zuge der Auflösung der Ghettos, der Verhaftungswellen in den verschiedenen okkupierten Ländern und der Deportation etwa der Sinti und Roma in das Lager. Eine gesicherte Statistik gibt es dazu nicht, weil viele Kinder bei ihrem Eintreffen sofort als »nicht arbeitsfähig« zur Vernichtung »selektiert« wurden. Helena Kubica spricht in einem Aufsatz über »Kinder und Jugendliche im KL Auschwitz« von mehr als 230.000 Kindern und Jugendlichen, die sich unter den 1.300.000 Häftlingen befanden. Der allergrößte Teil war jüdischer Herkunft. Von ihnen wurden jedoch nur knapp 20.000 im Lager registriert, mehr als 11.000 waren Sinti und Roma. Im Lager selbst wurden Kinder geboren, da mit den Transporten immer wieder auch schwangere Frauen eintrafen. Diese Kinder wurden zumeist mit ihren Müttern sofort getötet. In einigen Fällen selektierte die SS aus ihrer Sicht »germanisierungsfähige« nichtjüdische Kinder, die an »arische« Familien zur »Eindeutschung« übergeben wurden.

Industrieller Massenmord

Zu den schlimmsten Verbrechen in Auschwitz gehört die systematische Tötung von Häftlingen mit Giftgas, genauer gesagt mit Zyklon B. Auf der Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 wurden dazu die technischen Details der »Endlösung der Judenfrage« besprochen. Massentötungen mit Gas erfolgten auch in anderen Einrichtungen, insbesondere in den Vernichtungslagern Belzec, Majdanek und Sobibor. In Auschwitz wurde diese Methode jedoch in einem solchen Maß »perfektioniert«, dass die Nazis ihrem Ziel der Ausrottung großer Menschengruppen nahekamen.

Anlässlich eines Besuches von Adolf Eichmann in Auschwitz erhielt Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, den Auftrag, in Birkenau Vergasungsanlagen aufzubauen und die dort angelegten Krematorien zur Verbrennung der Leichen zu nutzen. Gemäß der geplanten Dimension der Massenvernichtung wurden zuerst zwei separate Gaskammern, später die kombinierten Gaskammern mit Krematorium I und II sowie im Bauabschnitt B II die Krematorien IV und V errichtet, ebenfalls als kombinierte Einrichtungen zur Tötung und direkten Beseitigung der Leichen.

Von da an begannen die Massendeportationen von Jüdinnen und Juden aus Frankreich und Belgien, aus Griechenland, aus Jugoslawien und ab 1944 aus Ungarn, von denen viele bei Ankunft direkt in den Gaskammern ermordet wurden. Um den Massenmord zu beschleunigen, wurde im Lager Birkenau 1944 die berüchtigte Bahnsteigrampe errichtet: Die Züge fuhren seither vom Güterbahnhof durch das Torhaus direkt in das Lager ein. Auf dieser Rampe wurden die »Selektionen« durchgeführt, nachdem sie zunächst an der »Judenrampe« im Güterbahnhof von Oswiecim (Auschwitz) stattgefunden hatten.

Wie viele Menschen als »arbeitsfähig« selektiert wurden, richtete sich zuerst nach der Bedarfslage der SS und ihrer Abnehmer von Arbeitskräften. Die als »arbeitsfähig« eingestuften Menschen wurden in das Lager geführt, registriert und zuerst in den Quarantäneblocks untergebracht.

Für die anderen galt das gnadenlose Ritual der Vernichtung. Sie wurden unter SS-Bewachung und angetrieben durch Schreie und Schläge zu den Gaskammern gebracht. Dort wurden die Gruppen – unter Hinweis auf vorgeblich notwendige Hygie­ne – aufgefordert, sich komplett zu entkleiden, Schmuck, Brillen und Prothesen waren abzulegen, den Frauen wurde von Häftlingen das Haupthaar geschoren. Anschließend wurden die Gruppen in die angeblichen Duschräume getrieben. Bevor die Menschen realisiert hatten, dass es sich dabei um Attrappen handelte, waren bereits die Türen versperrt, und die Ermordung mit Zyklon B begann. Die Historiker gehen davon aus, dass mehr als eine Million Menschen allein in Auschwitz dieser Form der Vernichtung zum Opfer fiel.

»Vernichtung durch Arbeit«

Parallel zur beginnenden Vernichtungspolitik gegenüber den jüdischen Bevölkerungsgruppen in ganz Europa verschärften die Nazis den Arbeitseinsatz der Häftlinge bis auf das äußerste. Auch in Auschwitz wurde diese »Vernichtung durch Arbeit« praktiziert. In einer Anweisung vom April 1942 wurde über die Häftlingsarbeit festgelegt: »Der Lagerkommandant allein ist verantwortlich für den Einsatz der Arbeitskräfte. Dieser Einsatz muss im wahren Sinne des Wortes erschöpfend sein, um ein Höchstmaß an Leistung zu erreichen.«

Hinzu kommt, dass angesichts der veränderten Kriegslage nach der militärischen Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad im Februar 1943 selbst die in Gang gesetzte Massenvernichtung immer wieder konterkariert wurde von der Notwendigkeit des Arbeitskräfteeinsatzes in der Kriegs- und Rüstungspolitik. So entstand die scheinbar widersprüchliche Situation, dass lokale Nazigrößen ganze Regionen nach Vertreibungen als »judenfrei« deklarierten, um wenige Monate später jüdische Häftlinge, die nach Auschwitz transportiert worden waren, als Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie zurück zu verlangen. An der grundsätzlichen faschistischen Vorstellung, dass alle Juden zu vernichten seien, änderte das nichts. Sie sollten jedoch vorher noch rücksichtslos für die faschistische Kriegführung ausgebeutet werden.

Im Jahre 1943 entstanden bei Hüttenbetrieben und in der Nähe der oberschlesischen Bergwerke Außenlager, in denen mehrere tausend Häftlinge interniert waren. Dabei ging es darum, eine möglichst lange Arbeitszeit der Häftlinge zu erreichen. Ende 1943 waren 11.000 Häftlinge in den Bauabteilungen des KZ eingesetzt, gut 2.500 in den Betrieben der SS und knapp 12.000 als Arbeitskräfte bei anderen Firmen. Im Juni 1943 hatten sogar die Krupp-Werke in unmittelbarer Nähe des Lagers, eine eigene Produktionsstätte errichtet, in der schon beim Aufbau mehrere hundert Auschwitz-Häftlinge eingesetzt wurden.

Angesichts des großen Arbeitskräftebedarfs und der Intensivierung der Kriegsproduktion wurden 1944 weitere 19 Außenlager von ­Auschwitz an Orten von Rüstungsindustrie und Bergbaubetrieben errichtet. Im Jahr 1944 wurden etwa 37.500 Häftlinge in nicht der SS gehörenden Fabrikationsstätten eingesetzt, davon mehr als 8.000 in Bergbaubetrieben, knapp 7.500 in Hütten oder Metallbetrieben, 2.700 im Bereich der Elektro- und Energietechnik. Der größte Teil arbeitete jedoch in Betrieben der chemischen Industrie, wobei der größte Betrieb das Buna-Werk der IG-Farben-Industrie AG war. Dazu wurde am 7. April 1941 die »I. G. Auschwitz« mit Sitz in Kattowitz (Katowice) als Unternehmen der IG-Farben-Industrie unter der Leitung der IG Farben-Vorstandsmitglieder Otto Ambros und Heinrich Bütefisch gegründet. Der Arbeitskräftebedarf des Buna-Werkes wuchs mit dem Ausbau im Jahre 1943. Waren es anfangs knapp 4.000 Häftlinge, stieg die Zahl auf mehr als 11.500 und umfasste noch in den letzten Wochen der Existenz dieses Lagers mehr als 10.000 Frauen und Männer. Diesem Betrieb wurde ein eigener Lagerbereich, nämlich »Auschwitz-Monowitz«, zugeordnet, der ab 1944 alle Außenkommandos in Rüstungsbetrieben verwaltete.

Widerstand und Überlebenswille

Dass es selbst unter diesen extremen Bedingungen Formen von Widerstand gab, gehört zu den heroischen Aspekten der Geschichte des Lagers. Lagerwiderstand bedeutete widerständiges Verhalten und zeugte von Überlebenswillen angesichts des verbrecherischen Regiments der SS und der SS-hörigen »Funktionshäftlinge«. Die Existenzbedingungen waren nicht dazu angelegt, Gemeinsamkeiten und Solidarität zu entwickeln. Im Überlebenskampf war, wie viele ehemalige Häftlinge schilderten, jeder auf sich selbst gestellt. Es war oft vom Zufall abhängig, ob man in Gruppen aufgenommen und – wie Primo Levi es in seinen Erinnerungen beschrieb – z. B. bei schweren körperlichen Arbeiten unterstützt wurde. Solche gegenseitigen Hilfen waren Grundformen von Solidarität, die das Überleben in ­Auschwitz überhaupt erst ermöglichten. Dies kann als erste Widerstandshandlung und Vorform wie Voraussetzung organisierten Widerstands bezeichnet werden.

Die Formen widerständigen Verhaltens waren auch in Auschwitz sehr vielfältig. Dazu gehörten z. B. der Besitz verbotener Informationen, von Kassibern oder Dingen von außerhalb des Lagers. Alles das konnte zur Bestrafung führen, sogar bis zur Hinrichtung. Für die Häftlinge waren diese illegalen Wege aber die einzige Möglichkeit, ihre Existenz zu erleichtern. Die Massenverbrechen der SS waren so monströs, dass die Häftlinge alles daran setzten, Berichte über die Massenmorde an die internationale Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Der bekannteste Bericht stammte von den beiden slowakischen Juden Rudolf Vrba und Alfred Wetzler. Ihnen gelang am 7. April 1944 die Flucht. Beide waren Häftlingsschreiber. Auf geheimen Wegen wurden die beiden Flüchtlinge in die Slowakei gebracht, wo sie mit dem slowakischen Judenrat ihren Bericht verfassten, der über andere Kanäle nach Ungarn, an den Vatikan und in die Schweiz übermittelt wurde.

Mit dem Eintreffen größerer Gruppen ausländischer Häftlinge ab 1941/42 entstanden eigene Widerstandsgruppen, in denen sich vor allem politische Häftlinge, darunter ehemalige Spanien-Kämpfer, fanden. Mit den Deportationen aus Frankreich kamen auch prominente Männer und Frauen aus der Résistance in das Lager, unter ihnen Marie-Claude Vaillant-Couturier, die gemeinsam mit belgischen Häftlingen politische Netzwerke knüpfte.

Auf Initiative österreichischer Häftlinge, die bereits über feste Strukturen verfügten, kam es Anfang Mai 1943 zu einem konspirativen Treffen in Block 4 des Stammlagers. Bei dieser Sitzung entstand eine internationale Leitung, die den Namen »Kampfgruppe Auschwitz« trug. Sie bestand aus Angehörigen verschiedener linker Parteien, ehemaligen Spanien-Kämpfern und Partisanen. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehörten der Österreicher Hermann Langbein und der deutsche jüdische Kommunist Bruno Baum.

Vom Überlebenswillen zeugten auch Fluchtaktionen, die aber nur dann eine Erfolgschance hatten, wenn sie von außen unterstützt wurden. Annähernd 200 Fluchtaktionen sind bekannt, Zwei Drittel der Flüchtlinge wurden jedoch gefasst und anschließend ermordet. Wie sehr die SS Widerstand und unbotmäßiges Verhalten im Lager und unter der polnischen Bevölkerung in dessen Umgebung fürchtete, wird auch daran sichtbar, dass an der Hinrichtungswand und weiteren Exekutionsorten in Auschwitz mindestens 20.000 Menschen ermordet wurden.

Das Aufbäumen gegen die drohende Vernichtung durch die SS war für manche Häftlinge so etwas wie ein letzter Ausweg. Die bekannteste Aktion war der Aufstand der Häftlinge des Sonderkommandos in Krematorium III/IV am 7. Oktober 1944. Hintergrund des Aufbegehrens war die Absicht der SS, mit der Ermordung der Häftlinge, die in den Krematorien bei der Leichenverbrennung eingesetzt waren, Zeugen zu beseitigen. Weibliche Gefangene hatten Schießpulver aus einer Waffenfabrik eingeschmuggelt, und das Krematorium IV wurde im Rahmen des Aufstands teilweise zerstört. Die Aktion selbst war eine spontane, nicht von allen Häftlingen des Sonderkommandos getragene Verzweiflungstat. Anschließend versuchten die Gefangenen eine Massenflucht, aber alle 250 Flüchtigen wurden von den Bewachern kurz darauf gefasst und getötet. In der Folge wurden 451 Häftlinge ermordet, von denen nur ein geringer Anteil selbst aktiv am Aufstand beteiligt gewesen war.

Die Befreiung des Lagers

Am 17. Januar 1945 fand der letzte reguläre Abendappell in allen Lagerteilen statt. An diesem Tag befanden sich noch mehr als 67.000 Häftlinge in Auschwitz, knapp 32.000 im Stammlager und in Birkenau sowie gut 35.000 in Monowitz. In den folgenden Tagen wurden etwa 56.000 männliche und weibliche Häftlinge evakuiert und in Todesmärschen nach Westen getrieben. In einer Dienstanweisung des Gauleiters und »oberschlesischen Reichsverteidigungskommissars« Fritz Bracht von Ende Dezember 1944 wurden spezielle Regeln für solche Evakuierungsmärsche festgelegt. Es wurde angeordnet, dass bei drohender »Feindberührung« Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zu Fuß evakuiert werden sollten.

Am 27. Januar 1945 wurden die verbliebenen Häftlinge durch sowjetische Soldaten der 60. Armee der I. Ukrainischen Front befreit. Zuerst wurde das Hauptlager Monowitz freigekämpft. Einheiten der SS und der Wehrmacht leisteten dabei noch erbitterten militärischen Widerstand, so dass mehr als 230 sowjetische Soldaten bei der Befreiung von Auschwitz ihr Leben ließen. Im Laufe des Tages stieß die Rote Armee nach Auschwitz und Birkenau vor. Beide Lagerteile waren gegen 15 Uhr frei.

Im Stammlager, in Birkenau und Monowitz trafen die Rotarmisten nur noch etwa 7.000 Häftlinge an. Noch in den ersten Tagen nach der Befreiung starben zahlreiche Häftlinge an Entkräftung. Unter den Befreiten befanden sich mehr als 200 Kinder im Alter von bis zu 15 Jahren, darunter Zwillinge, die als Versuchsobjekte für SS-Ärzte selektiert waren. Auf dem Gelände selbst fanden die sowjetischen Soldaten etwa 600 Tote – Lagerinsassen, die von SS-Männern noch unmittelbar vor ihrem Abzug erschossen worden waren.

Die Überlebenden von Auschwitz wollten nicht nur zurück in ihre Heimat, sondern wünschten auch, dass grundlegende politische Konsequenzen aus ihren extremen Erfahrungen gezogen würden. Ähnlich wie in anderen Lagern formulierten Häftlinge einen Appell an die Weltöffentlichkeit, den sie Anfang März 1945 in Auschwitz einer sowjetischen Regierungsdelegation übergaben: »Wir Unterzeichner bitten die internationale Öffentlichkeit aller kriegführenden und neutralen Länder sowie deren Regierungen, im Namen der Menschlichkeit alles daranzusetzen, dass Greueltaten, wie sie durch die Nazis begangen wurden, in Zukunft verhindert werden, damit das Blut ungezählter Millionen Unschuldiger nicht vergebens geflossen ist. Desgleichen bitten wir und mit uns die Geretteten circa 10.000 Angehörigen der verschiedenen Nationen, dass die kaum vorstellbaren Grausamkeiten der Hitleristen ihre Sühne und Strafe finden. Wir geretteten ehemaligen Häftlinge verdanken unsere Rettung der tapferen Roten Armee und bitten die internationale Öffentlichkeit und ihre Regierungen, hiervon Kenntnis zu nehmen und in unserem Namen hierfür Dank abzustatten.«

„Sonderkommando“ in Auschwitz

Sie leerten die Gaskammern und verbrannten die Toten: Die Sklavenarbeiter des „Sonderkommandos“ waren dem Grauen in Auschwitz so nahe wie niemand sonst. Einige hinterließen uns Botschaften.

Mehrere Männer sind am 5. März 1945 auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau unterwegs. Zwei von ihnen sind sowjetische Offiziere, ein anderer ist Shlomo Dragon, ein Überlebender des Mordkomplexes. Erst am 27. Januar des Jahres hatte die Rote Armee Auschwitz befreit. Ihr Ziel sind die Ruinen des Krematoriums III. In einer der nahen Aschegruben fängt Dragon an zu graben – und wird fündig. Eine „Feldflasche aus Aluminium, mit breitem Hals, deutschen Typs“, so verzeichnet es das Protokoll, ist zum Vorschein gekommen. Darin enthalten: ein kleines Notizbuch und ein Brief.

Es ist die Botschaft eines Toten. Salmen Gradowski, um 1908 im polnischen Suwałki geboren, hieß der Mann, der die Feldflasche samt Inhalt unter Lebensgefahr versteckt hatte. Sein Todestag war der 7. Oktober 1944, der fünfte Tag des jüdischen Laubhüttenfestes in diesem Jahr. Und der Tag, als sich Männer des sogenanntes jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau gegen die SS erhoben. Gradowski, ein Mitglied dieser Arbeitseinheit, wurde während der Kämpfe erschossen.

Allerdings nicht, ohne mehrere Nachrichten für die Nachwelt hinterlassen zu haben, wie eben in der entdeckten Feldflasche. „Möge die Welt in ihnen einen Tropfen, ein Minimum jener schrecklichen, tragischen Todeswelt erkennen, in der wir lebten“, dies wünschte sich Gradowski.

Grausam, selbst für Auschwitz

Denn wenn Auschwitz die Hölle war, befanden sich die Männer des Sonderkommandos in ihrem Zentrum. Sie brachten die Ermordeten nach deren Vergasung aus den Gaskammern, brachen ihnen etwa das Zahngold aus den Gebissen und verbrannten die Leichen. Dabei waren sie selbst Häftlinge, die von der SS vor eine grausame Wahl gestellt worden waren: entweder der SS bei ihrem Mordwerk zu helfen und (etwas) länger zu leben, oder selbst zu sterben.

Wobei das Wort Wahl grundsätzlich falsch ist unter den Bedingungen in Auschwitz. Der jüdische Häftling Lejb Langfus etwa meldete sich im Dezember 1942 zur Arbeit in einer Fabrik. So jedenfalls behauptete es ein SS-Mann. In Wirklichkeit wurde Langfus für das neu gebildete Sonderkommando ausgewählt. Mitsamt rund 300 weiteren Häftlingen. Ihre Vorgänger waren gerade erst ermordet worden, ihre Körper schwelten im Krematorium. Hauptscharführer Otto Moll, selbst in Auschwitz für seine Brutalität berüchtigt, wies das neue Sonderkommando in seine Aufgabe ein. Bei Weigerung drohte er mit Gewalt.

„Wir reißen die Körper von dem toten Haufen los, zerren sie an den Händen, an den Beinen, wie es gerade passt“, so schilderte etwa Salmen Gradowski die Aufgabe des Sonderkommandos, wenn sich die Türen zu den Gaskammern öffneten. „Drei Männer bearbeiten eine Leiche“, fuhr er fort. „Einer zieht mit einer Zange die Goldzähne, ein anderer schert den Kopf, der dritte reißt den Frauen die Ohrringe aus, manchmal strömt Blut aus den Ohrläppchen. Kann ein Ring nicht abgenommen werden, wird er mit einer Zange abgerissen.“

Dem folgte der Transport zu den Öfen. Es sind schwer zu ertragende Szenen, die Gradowski überlieferte. „Erst fangen die Haare Feuer. Dann entstehen Blasen auf der Haut, die aufplatzen. Die Arme und Beine fangen an zu zucken“, notierte der Angehörige des Sonderkommandos. „Das ganze Verfahren dauert 20 Minuten, danach bleibt vom Körper, einer Welt, nur Asche übrig. Währenddessen stehst du regungslos da und schaust dir das an.“

Zeugnisse des Grauens

Die überlieferten Aufzeichnungen von Angehörigen des jüdischen Sonderkommandos aus Auschwitz-Birkenau sind so eine wichtige Quelle für den Ablauf des Holocaust in Auschwitz. Eine Quelle, soweit erhalten, die anders als die Erinnerungen von Zeitzeugen unbeeinträchtigt von Zeit und Gedächtnis das Grauen in Auschwitz schildert. Und eine Mahnung darstellt für das, was Menschen Menschen antun können.

Neun solcher Zeugnisse des jüdischen Sonderkommandos wurden im Laufe der Zeit in Auschwitz-Birkenau entdeckt. Fünf Männer des Sonderkommandos waren die Verfasser: Salmen Gradowski (er hinterließ mehrere Aufzeichnungen), Lejb Langfus, Salmen Lewenthal, Chaim Herman und Marcel Nadjari, dessen 1980 entdeckte und stark verwitterte Aufzeichnungen erst in jüngster Zeit mittels Multispektralanalyse erschlossen werden konnten. Der Historiker Pavel Polian hat die beeindruckenden wie erschütternden Zeugnisse vor Kurzem in einem Buch mit dem treffenden Titel „Briefe aus der Hölle“ veröffentlicht.

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