Der Rassist in uns – Deutschlands verdrängtes koloniales Erbe

Spätestens mit dem Aufstieg der AfD ist Deutschlands Ruf als ehrlicher Aufarbeiter der eigenen Vergangenheit dahin. Eine wahre Black Box ist immer noch Deutschlands koloniales Erbe. Der Zündfunk Generator fragt sich, warum die Aufarbeitung der Kolonialverbrechen erst jetzt beginnt.

Ein kalter grauer Winter Nachmittag Mitte Dezember 2019 in München-Trudering, ein bürgerlicher Vorort wo sich die Gartenhecken „Gute Nacht“ sagen. Eine Handvoll Demonstranten hat sich an einer Straßenkreuzung versammelt. Sie halten Schilder auf denen steht: „Wir sagen NEIN zu Straßen die nach Rassisten und Mördern benannt sind.“ Eine kleine Tonanlage überträgt die Reden. Aber niemand hört zu, außer den Dutzend Demonstrantinnen und zwei neugierigen Mädchen die auf ihren Rädern hin und her fahren. Schließlich ergreift eine zierliche Frau (Esther Muinjangue)  aus dem Volk der Nama aus Namibia das Wort. Sie hat ein Straßenschild mitgebracht für eine Cornelius-Frederik-Straße. Das ist der Name meines Urgroßonkels. Er war ein heldenhafter Krieger und Anführer meines Volkes, verheiratet mit Magdalena Frederik. Die deutsche Schutztruppe hat Cornelius Frederik auf der Haifisch Insel bei Lüderitz interniert, später auch seine Frau und ihre beiden Kinder.

Bei der Ankunft wurden die Kinder von ihrer Mutter getrennt. Sie kam in ein Lager, indem die Frauen als Sex-Sklavinnen für die deutschen Truppen dienen mussten. Über Wochen wurde sie konstant vergewaltigt. Als sie einfach nicht mehr konnte, bat sie um eine andere Aufgabe. Daraufhin musste sie die Schädel ihrer Verwandten kochen und das Fleisch abschaben. Eines Tages reichte ihr ein Soldat den Kopf meines Urgroßonkels ihres Mannes, von Cornelius Frederik. Dieses Straßenschild zu halten ist ein sehr emotionaler Moment für mich, denn ich weiss, dass sein Schädel irgendwo in Deutschland liegt. Aber niemand kann mir sagen wo? Ich kann meinen Urgroßonkel also nicht beerdigen.

In meiner Kultur entstand ein Mensch dem Lehm der Erde und muss dorthin zurück. Und wenn dass nicht passiert, findet die Seele keinen Frieden. Weder die des Täters, noch des Opfers. Ich rufe also das deutsche Volk auf, Druck auf seine Regierung und Institutionen auszuüben, damit sie die Überreste unserer Vorfahren zurück geben.

Ich bin Zeugnis dieser Taten, lebendiges Gedächtnis. Bitte, gebt uns unsere Vorfahren wieder, damit wir sie in Würde begraben können.

Seit Jahren fordern unterschiedliche Akteur*innen aus München, bundesweit und international die Umbenennung der Münchner Straßen die nach kolonialen Verbrechern und Rassisten benannt sind.

Am 12. Dezember haben wir an der Straßenecke Hererostraße/ Waterbergstraße in München-Trudering mit den Aktivistinnen Esther Muinjangue und Sima Luipert aus Namibia für die Umbenennung der Münchner Kolonialstraßen demonstriert. Sima Luipert, die Urgroßnichte von Cornelius Fredericks, trug ein Straßenschild mit einem konkreten Alternativvorschlag – eine Straße sollte nach ihrem Urgroßonkel benannt werden. In einer bewegenden Rede wies sie darauf hin, dass der Schädel von Fredericks sich noch in Deutschland befinde, sie wisse aber nicht, wo. Bis er beerdigt sei, können weder die Seelen der Opfer noch die der Täter zur Ruhe kommen, sagte sie.

Wir sagen NEIN zu Straßen, die Namen von Rassisten und Mördern tragen!

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