Deutsche Zeitung missbraucht das 75-Jahr-Gedenken von Leningrad heute St.Petersburg

St. Petersburg gedachte einer Million Toter, die bei der Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht starben. Leningrad – die Wiege der russischen Revolution – wollten die Nazis aushungern und mit Luftwaffe und Artillerie zerstören.

Statt wiedereinmal in sich zu gehen und – als klare Schuldige an diesem grausamen Völkermord vor 75 Jahren – ihre deutschen Leserinnen und Leser aufzufordern, auf der Hut zu sein und ähnliche Entwicklungen wie die unter Hitler rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern, benutzt die «Süddeutsche» den Anlass, um – schon in der Headline! – einmal mehr eine verbale Rakete gegen Russland abzufeuern: «Moskau missbraucht das Gedenken an Leningrad». Wie ist sowas überhaupt möglich?
 
Und wenn man dann zu lesen beginnt, wird es schon im ersten Abschnitt schauerlich. Silke Bigalke schreibt aus Moskau: «Wieder einmal schicken die in Moskau Regierenden Soldaten statt Mitgefühl und verordnen Nationalstolz statt Gedenken. Die Blockade der Stadt, die damals Leningrad hieß, bleibt ein wunder Punkt in Russlands Vergangenheit. Stets wollten die Mächtigen kontrollieren, wie sich die Menschen daran erinnern.»
 
Es ist unfassbar: Wichtig ist nicht das deutsche Verbrechen, wichtig ist der Zeitung, wie Russland die Gedenkfeier gestaltet. Sind die Redakteure in München von allen guten Geistern verlassen? Welch verlogene Selbstsicherheit herrscht da an der Hultschiner Strasse in Bayerns Hauptstadt?
 
Ein im russischen Radio gehörter Kommentar lautete: «Russland hätte gegen den Sitz Deutschlands als nicht-ständiges Mitglied im UNO-Sicherheitsrat das Veto einlegen sollen. Die Deutschen haben immer noch nicht begriffen, dass es rote Linien gibt.»
 
Ich halte es für verhängnisvoll, wenn man Opfer des deutschen Faschismus gegeneinander ausspielt. Solange wir nur um Juden, aber nicht auch um die Blockade-Opfer von Leningrad und die in deutschen Kriegsgefangenenlagern verhungerten sowjetischen Soldaten trauern, haben wir unsere Geschichte als Deutsche nicht aufgearbeitet und nicht die nötigen Lehren gezogen.
Wie Russland selber dieses historische Ereignis «feiert», darüber darf diskutiert werden – gerne in Russland selber. Dass Putin, dessen eigener älterer Bruder und andere Familienangehörige zu den Opfern in Leningrad gehörten, da auch eine Militärparade auffahren lässt, darf hinterfragt und kritisiert werden. Russland hat im von Deutschland geplant begonnenen Zweiten Weltkrieg mehr als 27 Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger verloren, Millionen von Soldaten, Millionen von Zivilisten. Das Bedürfnis, an die militärische Befreiung Leningrads aus der Umzingelung durch die deutsche Wehrmacht zu erinnern, ist so oder so legitim. Aber auch die Versuchung, bei dieser Gelegenheit den westlichen Nachbarn ein wenig zu zeigen, dass man bei einem nächsten Einmarsch aus dem Westen besser gerüstet sein wird als am 22. Juni 1941, ist immerhin nachvollziehbar. So wurden an der Parade auf dem Palast-Platz in St. Petersburg nicht nur die legendären sowjetischen T-34 Tanks und andere historische Militärfahrzeuge, sondern auch moderne Waffen wie etwa die S-400 Luftabwehrrakete gezeigt. Und es gab gestern in St. Petersburg nicht nur die Militärparade, sondern auch viele zivile Gedenkveranstaltungen, zum Beispiel auch ein Konzert mit Schostakowitschs 7. Sinfonie auf dem Programm. Der weltberühmte Komponist lebte damals in Leningrad und war selber von der Blockade betroffen, als er seine 7. Sinfonie schrieb.
Das Wetter war nasskalt und der Himmel grau. Trotzdem herrschte vor dem Eingang des Friedhofs im Nordosten der Newa-Stadt eine aufgeregt-geschäftige Stimmung. Soldaten und Ausbilder von Militärhochschulen und Vertreter der St. Petersburger Behörden trugen große Kränze mit farbigen Schleifen. Schüler mit blauen Jacken und dem Aufdruck „Freiwillige des Sieges“ sowie eine ganze Klasse von Lehrlingen einer Fachschule für Schweißer standen zusammen mit ihren Leitern und Lehrern im lebhaften Gespräch.

„Wenn sie nicht gekämpft hätten, gäbe es uns heute nicht“

Es waren Jugendliche, welche die Blockade von Leningrad nur aus Erzählungen kennen. Man kann nicht sagen, dass sie alle traurige Gesichter machten. Es waren ganz gewöhnliche Jugendliche. Aber der Großteil von ihnen hat vermutlich verstanden, dass ihre Vorfahren eine große Leistung vollbracht haben. „Wenn sie nicht gekämpft hätten, dann gäbe es uns heute nicht“, sagt mir einer der jungen Leute.

Der 27. Januar ist für St. Petersburg einer der wichtigsten Gedenktage. An diesem Tag im Jahr 1944 wurde der Blockadering, den die deutsche Wehrmacht seit dem 8. September 1941 um die Stadt gelegt hatte, von den Truppen der Roten Armee durchbrochen.

Bereits zwei Monate nach Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion, am 28. August 1941, schrieb Franz Halder, Generalstabschef des deutschen Heeres, „jeder Versuch der Zivilbevölkerung, die Umzingelung zu durchbrechen, muss verhindert werden“.

Kommandeur Phillip Kleffel: „Nicht das kleinste Mitleid mit Frauen und Kindern“

Am 13. Dezember 1941 schrieb der Kommandeur der 1. Infanterie-Division Phillip Kleffel in einem Befehl, „dieser Kampf fordert, dass wir nicht das kleinste Mitleid mit der hungernden Bevölkerung haben, auch nicht mit Frauen und Kindern.“ Man werde sie nicht durch die Front lassen. Die Frauen und Kinder seien Russen, die „überall wo es möglich war, Verbrechen begangen haben.“

Der Marsch über den Piskarowskoje-Friedhof endete vor dem Denkmal „Mutter Heimat“. Das Denkmal zeigt eine trauernde Frau mit ausgebreiteten Armen. Vor dem Denkmal wurden rote Nelken und Kränze abgelegt. Auch ich habe dort zusammen mit einer Gruppen von Journalisten und Politikern aus Tschechien Blumen niedergelegt. Während der Zeremonie klang über den Friedhof mit seinen großen, viereckigen, leicht erhöhten Massengräbern getragene Orgel-Musik.

77.000 „Blokadniki“ leben noch

Nicht weit von dem Denkmal „Mutter Heimat“ komme ich mit der Leiterin der Organisation der Überlebenden der Blockade, Jelena Tichomirowa, ins Gespräch. Sie erzählt, dass in der Stadt heute noch 77.000 Überlebende der Blockade leben. Der 27. Januar sei für sie ein Tag der Freude, aber auch ein Tag der Trauer. Sie habe 13 Monate der Blockade in der Stadt verbracht. Dann wurde sie in das sibirische Altai-Gebiet evakuiert. Jelena wurde 1934 geboren und war zu Beginn der Blockade acht Jahre alt. Leningrad hatte 1941 3,2 Millionen Einwohner. Bis zum Februar 1943 wurden 1,7 Millionen Menschen evakuiert.

Die Kinder hätten besonders unter der Blockade gelitten. Kinder bräuchten bis zum Alter von sieben Jahren eine bestimmte Ernährung, damit sich ihre inneren Organe entwickeln. Es gäbe Frauen, die nach der Blockade keine Kinder mehr gebären konnten. Andere hätten wegen des Hungers damals nur sehr kleine Herzen. Wie die Unterstützung der Blockade-Opfer heute aussehe, frage ich Jelena. Fast alle, die noch in Gemeinschaftswohnungen wohnten, hätten eigene Wohnungen bekommen, erklärte die Verbandsvorsitzende.

Um zu verhindern, dass sich das Grauen des Faschismus wiederhole, müsse man aufklären und geschichtliche Kenntnisse in der Jugend verankern, sagt Jelena. Leider sei diese Aufklärung in Russland weniger geworden. „Warum wurde das deutsche Volk so verführt? Weil es seine eigene Geschichte nicht kannte.“

In der ganzen Stadt Veranstaltungen

Auf zahlreichen Friedhöfen von St. Petersburg wurden gestern Kränze und Blumen niedergelegt. Auf dem Platz vor der Ermitage wurden Militärfahrzeuge und Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg und modernes Militärgerät der russischen Armee ausgestellt.
Auf dem Platz vor der Ermitage gab es auch ein Zelt, wo Aktivisten für einen Film Geld sammelten. Der Film soll über die Arbeit des russischen Balletts aufklären, das während der Blockade – zwar mit verminderter Kraft – aber immerhin weiterarbeitete. In dem Zelt der Aktivisten hingen Plakate von Ballett-Aufführungen und Konzerten, die während der Blockade stattfanden. Am Abend gab es über der Newa ein grandioses Feuerwerk.

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