KAPITAL UND MONOPOL

Aus Monopolgewinnen entsteht das Finanzkapital – und schließlich die politische Macht.

Wir kennen unsere Multimilliardäre mit Namen, jene 45 Gestalten mit einem Nettowert des Vermögens in der Größenordnung von um die hundert Milliarden Dollar (oder auch Euro). Es fehlt nur, dass wir sie, wie sie sich gegenseitig, duzen. Besonders beliebt ist in diesen Tagen der auslaufenden Coronaseuche Bill Gates. Das liegt nicht nur daran, dass er über die Firma Microsoft und damit die Lizenz für das verhasste Betriebssystem Windows verfügt. Gates ist wahrscheinlich der bekannteste der 45 Superreichen. Er gehört schon mehr als ein Jahrzehnt lang zu dieser erlesenen Liga und stand einige Jahre lang als reichster Mann des Globus an ihrer Spitze.

Unter den reichsten Figuren auf dem Globus hat eine Mehrheit den Reichtum in der Digitalökonomie angesammelt, und die acht an der Börse wertvollsten Unternehmen sind, bis auf den jüngst an die Börse gebrachten Ölkonzern Aramco der saudischen Königsfamilie, allesamt Internet- oder Digitalunternehmen. Gates’ Microsoft ist der weltweite Softwaremonopolist schlechthin. Die anderen fünf – Alphabet/Google, Amazon, ­Facebook und die beiden chinesischen Alibaba und Tencent Holding – sind in erster Linie nicht Produzenten und Entwickler der Technik, sondern Anwender. Das Gemeinsame dieser acht ist, dass sie außerordentlich hohe Gewinne aufweisen und dass die Spekulanten dieser Welt ihnen zutrauen, auch in Zukunft stolze Gewinne einzufahren.

Bei den Internet- oder Digitalunternehmen fällt noch etwas anderes auf. Die »Wertschöpfung« hängt scheinbar kaum noch mit der Menge der verausgabten Arbeit zusammen. Das trifft auf Amazon zu, dessen Geschäftsmodell als weltweiter Einzelhändler darauf basiert, den Einsatz lebendiger Arbeitskraft zu minimieren, um den Rest umso intensiver auszubeuten. Noch krasser ist es bei Google, Microsoft und Facebook. Deren Umsatz ist nur wenig höher als ihr Gewinn. Dieser Gewinn wird mit einer sehr geringen Zahl von Angestellten produziert, die ohnehin nur in der Entwicklungs- oder der Marketingabteilung arbeiten, also dem verkauften Produkt keinerlei Verarbeitung oder Wert zusetzen.

Bodenrente garantiert

Das kommt, so ist man versucht zu sagen, einem ökonomischen Wunder gleich. Und dieses Wunder hat so manche sonderbare These zur Wirkungsweise der Digitalökonomie hervorgebracht – wie etwa die, die Internetkonzerne beuteten nicht mehr Arbeitskräfte aus wie die gemeinen Kapitalisten, sondern beuteten statt dessen, ähnlich wie Aramco die Ölvorkommen Arabiens, die Daten aus, die wir ihnen als Nutzer bereitwillig zur Verfügung stellen. Das ist natürlich Unsinn. Daten kann man zwar sammeln und für gar nicht schlechtes Geld auch verkaufen. Genutzt, nicht ausgebeutet werden persönliche Daten potentieller Konsumenten von Unternehmen der Werbebranche.

Alibaba und Amazon sind Einzelhandelsunternehmen, für die der werbliche Kontakt zum Kunden essentiell ist. Tencent, Facebook und Google sind vorwiegend Unternehmen der Werbebranche. Die enorm hohe Profitabilität dieser Unternehmen entstammt ihrer Monopolstellung. Das Monopol ist von der Art, wie es vormals die einzige Tageszeitung in einer deutschen Provinzstadt innehatte. Wer in der Stadt eine Information unter die Leute bringen wollte, kam an der lokalen Tageszeitung nicht vorbei. Er musste dort inserieren. Google und Facebook sind solche Werbemonopole. Ihre kostenlose Dienstleistung entspricht dem, was früher die lokale Tageszeitung an Information bereithielt und was in den Anzeigenblättchen auch heute noch kostenlos mitgeliefert wird. Nur umfasst das Monopol von Google und Facebook heute statt einer Provinzstadt den Globus. Der Extragewinn, der sich aus der klassischen Monopolstellung ableitet, speist sich auch aus dem Mehrwert, aber typischerweise aus dem, den andere Kapitalisten den von ihnen ausgebeuteten Arbeitskräften abpressen.

Auch Microsoft zählt mittlerweile zu dieser Gruppe der Werbemonopolisten. Sein ursprüngliches und vermutlich immer noch wichtigstes Monopol ist allerdings das fast allgegenwärtige Betriebssystem, das zwar mit einiger Sorgfalt gepflegt und möglichst erweitert wird, das aber im Verhältnis zum dafür nötigen Arbeitsaufwand den Aktionären sensationell hohe Erlöse generiert. Das Werbemonopol und das Monopol für das PC-Betriebssystem sind der Bodenrente ähnlich, die den Grundbesitzern – auch in der sonderbaren Ideologie der bürgerlichen Ökonomen – ein »leistungsloses« Einkommen garantiert. Nur sind diese Monopoleinkommen noch besser, weil die zugrundeliegende Ressource durch steigende Nutzung nicht geringer wird, wie etwa der Boden durch höhere landwirtschaftliche Nutzung ausgelaugt oder durch höhere Ölförderung an Reserven verliert.

Aufstieg zum Finanzmagnaten

Wer über derartige Reichtumsquellen verfügt, steigt zwangsläufig, auf natürlich-kapitalistischem Weg in eine andere Monopolkategorie auf. Denn seine Sorge wird es fortan, das wüst hereinströmende Geld neuer profitabler Nutzung zuzuführen. Sein sensationell ertragreicher Laden nimmt so viel Erhaltungs- oder auch Erweiterungsinvestitionen nicht auf. Der arme Kerl ist somit verdammt, Mitglied der obersten Klasse des Finanzkapitals zu werden. Er wird Finanzinvestor oder, wie man früher sagte, Finanzmagnat. Er finanziert Startups, gründet und finanziert Hedge- und Private-Equity-Fonds, Banken, Schattenbanken oder Stiftungen. Er muss das nicht persönlich tun. Alle Monopolunternehmen – und ganz besonders die oben genannten größten – betreiben diese Finanzgeschäfte. Oder wie man in Deutschland schon vor 40 Jahren witzelte, Siemens, der Monopolist für Telefon, Elektromaschinen und Kraftwerke, ent­wickelte sich zur Bank mit angeschlossener Elektroabteilung. Es ist diese Geschäftstätigkeit, die Rudolf Hilferding und Wladimir Lenin dazu veranlasst hat, vom Finanzkapital als Form des Monopols zu sprechen.

Gates hat es verstanden, seinen ungeheuren Reichtum zu stabilisieren, zu diversifizieren und auszudehnen. Sein Aktienanteil an der Firma Microsoft soll heute nur noch etwa ein Prozent betragen. Er hat die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gegründet, die gezielt Spenden verteilt, eigene Projekte im Gesundheitswesen, meist als Unterstiftungen betreibt und natürlich nicht von der Steuer belästigt wird. Sie sammelt auch professionell sehr erfolgreich weiteres Geld ein – unter anderem von einem anderen der 45, dem legendären Investor Warren Buffett aus Omaha. Gemein ist den Finanzoligarchen: Sie haben es vor den Augen der Öffentlichkeit verstanden, sich in die Weltpolitik einzukaufen. Es ist nachgerade typisch für das Finanzkapital, auf direkten und indirekten Wegen die Politik zu bestimmen. Besonders ekelhaft wirkt es allerdings, dass sie auch noch für sich in Anspruch nehmen, Gutes zu tun.

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