Das Ende der Kultur?

Kabarettisten und Comedians dürfen nicht auf die Bühne, Musiker dürfen nicht überall musizieren, Theater dürfen ihre Sitzreihen nicht füllen, Veranstalter dürfen nichts veranstalten, außer Häuser in Rotlichtbezirke zu verwandeln, die Gastronomen dürfen nicht soviel Tische decken, wie sie aufstellen könnten, und die Clubszene beantragt Stütze (obwohl sie selbst noch nie ein gastlicher Ort für Stützebezieher war).

Alle diese wunderbaren Freiberufler fragen sich: Wovon soll ich meine Miete bezahlen? Die Kinder füttern? Mein Auto betanken? Raten abstottern? Einst starteten sie als junge Menschen ihre hoffnungsvollen Karrieren, weil sie „ein freies Künstlerleben“ führen wollten, weil sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten ausrechneten, weil sie auf keinen Fall als Staatsbedienstete oder Angestellte enden wollten. Oder vielleicht auch, weil sie sich und ihr Talent für ein Künstlerleben überschätzten?

Für Gaukler, Musikanten und Possenreißer sind Pleite, Not und Existenzangst seit Menschengedenken nichts Besonderes… Aber in Corona-Zeiten soll der Staat mit garantierten Abendgagen und Ausfallhonoraren einspringen. Man wäre gern Kulturbeamter auf Zeit, sonst – rufen sie klagend aus – bricht die Kultur zusammen. Weil ihre Vorstellungen ausfallen, bricht die ganze Kultur zusammen? Wirklich? Besteht Kultur denn nur aus Spiel, Musik und Tanz, Malerei, und Speis’ und Trank?

Muss ein Staat seine Höhlenmaler subventionieren? Oder seine Opernhäuser von den Lohnsteuern derer, die gar nicht in die Oper gehen? Oder seine Witze-Erzähler? Und auch die Vermittlungsbranche?

Offenbar müssen wir unseren Kulturbegriff mal wieder überdenken. Kultur ist die gesamte Lebensweise eines Volkes. Und die Künste sind ein Teil davon.

Die klassischen Kulturen in Ägypten, Griechenland und Rom entstanden aus Sklavenwirtschaft, einer ausbeuterischen Bauwirtschaft und einer mörderischen Kriegswirtschaft. Die sog. Kulturdenkmäler waren ein bewundernswertes Beiwerk. So sehr viel hat sich seitdem nicht geändert: Unsere Kulturdenkmäler bestehen allerdings aus Plastik und Beton, und unser moderner Staat dient zu seinem Machterhalt zu allererst Industrie und Konzernen, Landwirtschaft und Banken. Aber die gehören schließlich auch zur Kultur.

Was gehört noch zur Kultur unseres Jahrhunderts?

  • Wir errichten die größten Bauwerke aller Zeiten, und wir dulden Korruption.
    Wir fördern die Rüstung, führen Kriege und singen dazu „Ich bete an die Macht der Liebe“,
  • Wir sind von barbarischer Fremdenfeindlichkeit,
  • wir lassen ungerührt Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken,
  • wir beherbergen Leute, die wir mit der Herstellung minderwertigen Fleisches ausbeuten, in einem miesen kleinen Zimmer.
  • Wir feiern ohne Rücksicht auf andere unser Partyleben,
  • wir lösen unsere gesellschaftlichen Probleme vorzugsweise mit Gewalt,
  • wir sind rassistisch oder antisemitisch,
  • wir bedrohen wegen einer Polizei-Satire missliebige Journalistinnen mit der Strafjustiz.

Unser kapitalistisches System veranlasst uns, eine „Herdendiskussion“ zu führen, statt mit vollem Einsatz alle Menschen aus Lebensgefahr zu retten und nur die sterben zu lassen, die es selbst wirklich wollen…
Mir wäre es durchaus recht, brächen alle diese Kulturerscheinungen krachend zusammen.

Aber für den Schweinebaron Tönnies, die Quandts und Klattens, für Hopp, Kühne, die Albrechts & Co bedeutet Corona nicht das Ende ihrer Schlachthof-Kultur, sondern lediglich eine finanzielle Einbuße.

Unseren Bühnenkünstlern sei daher zur Aufmunterung gesagt: Letztendlich wird nicht der marktkonforme Staat, sondern ihr Publikum für sie sorgen. Nach 1945, mitten im schlimmsten gesellschaftlichen Zusammenbruch, brachten die Zuschauer und Zuschauerinnen ihren Künstlern als Eintritt beispielsweise zwei Kartoffeln oder ein Brikett an die Bühne, weil sie wussten:
Die müssen überleben – Kunst macht das Dasein erträglicher.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.