Kinderärzte schlagen Alarm – Rettet die Kinderstationen

Kinder bringen keinen Profit

Die konkreten Forderungen zur Sicherung einer angemessenen medizinischen Versorgung von Kindern im Krankenhaus finden seit 2014 kein Gehör bei dem Lobbyisten-Gesundheitsminister Jens Spahn. Der Wettbewerb im Gesundheitswesen trifft die Schwächsten. Davon sind Kinder- und Jugendärzte überzeugt. „Die Sorge, aus finanziellen Gründen bald keine Kinderstation mehr in der Nähe zu haben, ist berechtigt“, sagt Professor Norbert Wagner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. 

»Das Problem steckt im DRG-System selbst. Kleinkinder funktionieren nicht so, wie sich die Erfinder von Fallpauschalen das wünschen. Die SPD ist bekanntlich noch Teil der Bundesregierung und so könnte der eine oder andere denken, dass sich deren Sympathie für ein neues Finanzierungsmodell auch dort niedergeschlagen hat. Dem scheint aber nicht so zu sein, wenn man denn solche Meldungen zur Kenntnis nimmt: Regierung plant keine Herausnahme der Pädiatrie aus DRG-System.
„Die Abschaffung der Fallpau­scha­len ist ein wichtiges Instrument, um das Sterben der Kinder­kliniken zu verhindern und vor allem im ländlichen Raum die stationäre medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen aufrecht zu erhalten“, so beispielsweise der Präsident des Bundes­verbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach. Das aber wird nicht nur für diesen Teilbereich zu haben sein. Schlussendlich bräuchten wir dann tatsächlich einen (neuen) Systemwechsel in der Krankenhausfinanzierung.

Die Asklepios Klinik im mecklenburgischen Parchim machte Ende letzten Jahres ihre Kinderstation dicht. Und das, obwohl die nächste Kinderklinik in Schwerin mehr als 50 Kilometer entfernt ist. „Es ist der reine Ärztemangel, der uns dazu zwingt, das Versorgungsangebot einzustellen“, erklärte der Regionalgeschäftsführer der Asklepios-Kliniken Guido Lenz damals gegenüber den Medien. Mittlerweile musste der Asklepios-Konzern einräumen, dass er dem Chefarzt und zwei Assistenzärzten selbst gekündigt hat. Schlimmer noch: Auch die Behauptung, es habe anschließend keine einzige Bewerbung gegeben, entpuppte sich laut ARD-Magazin “Kontraste“ als Lüge. Auf Nachfrage räumte der Klinik-Konzern ein, dass es zwar eine Bewerbung gegeben habe, aber die Ärztin sich nicht mehr gemeldet habe, obwohl ihr ein großzügiges Vertragsangebot gemacht worden sei. Auch das entsprach offenbar nicht der Wahrheit: Laut Kontraste-Recherchen sei die Bewerberin bereit gewesen, die Stelle anzutreten – sie wurde jedoch nicht eingestellt.

Kindermedizin ist ein Kostenfaktor

Für den Ärztekammerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Professor Andreas Crusius, ist klar: „Man hatte kein Interesse, die Kinderklinik zu erhalten.“ Kindermedizin ist für viele Kliniken ein Kostenfaktor. Die Versorgung von Kindern ist aufwendig und zeitintensiv. Rendite lässt sich damit nicht erwirtschaften. Doch genau darauf sind private Klinik-Betreiber wie Asklepios aus.

Für Steffi Pulz, Stadtfraktionsvorsitzende der LINKEN in Parchim, lässt das Vorgehen von Asklepios nur einen Schluss zu: „Die unwirtschaftliche Kinderstation (sollte) abgewickelt werden, weil der Profit im Vordergrund des Konzerns steht.“ Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag, verurteilte das Vorgehen von Asklepios scharf. Via Twitter erklärte er: „Der Klinik-Konzern Asklepios hat die Kinderklinik in Parchim skrupellos abgewickelt und die Öffentlichkeit belogen. Das Wohl der Bürger muss alleiniger Maßstab in unserem Gesundheitssystem sein, nicht die Frage, wie Konzerne Kasse machen.“

Asklepios behindert Mitbestimmung und Tarifverträge

Angesichts des zunehmenden öffentlichen Drucks sah sich Asklepios schließlich gezwungen, die Schließung der Kinderstation rückgängig zu machen – sofern die ärztliche Versorgung sichergestellt werden kann. Im Klartext: Die Asklepios-Klinik ist auf der Suche nach medizinischem Personal im Bereich Kinder- und Jugendmedizin.

Gerade beim Personal aber hapert es. Offiziell hat der Klinik-Konzern mehr als 46.000 Beschäftigte in bundesweit mehr als 160 Einrichtungen. Doch bei Gewerkschaften und Angestellten hat der Konzern einen denkbar schlechten Ruf. So berichtete der Hessische Rundfunk vor wenigen Tagen, dass Asklepios berüchtigt dafür sei, die betriebliche Mitbestimmung zu unterbinden. Mit einem einfachen Trick: Die Mitarbeiter würden nicht beim Krankenhaus angestellt, sondern bei Servicegesellschaften.
Zudem versucht der Konzern, die Lohnkosten möglich niedrig zu halten. In einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vom Dezember 2019 beklagte der Gesamtbetriebsrat, dass sich Asklepios weigere, einen flächendeckenden Tarifvertrag mit der Gewerkschaft ver.di abzuschließen. „Wie kann es sein, dass sich der Asklepios Konzern, der in erheblichem Umfang öffentliche Fördergelder für seine Investitionen erhält, einen Vorteil vor den tarifgebundenen Konkurrenten verschafft, indem er den Beschäftigten eine angemessene Bezahlung verweigert?“, heißt es in dem Brief weiter.

Proteste auch in Hessen

Aktuell gibt es gerade heftige Proteste in Hessen, wo Asklepios den Klinikbetreiber Rhön AG übernimmt, unter anderem das Uniklinikum Marburg/Gießen. Hessens LINKE ist alarmiert und stemmt sich dagegen – auf der Straße und im Parlament. Der LINKEN-Abgeordnete Jan Schalauske, dessen Wahlkreis Marburg und Gießen umfasst, warnte dann auch: „Es darf nicht sein, dass unser Klinikum erneut zum Spielball der Finanzmärkte wird“, sagte er. „Gerade die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen sind ein weiterer Beleg dafür, dass die Gesundheitsversorgung nicht dem Markt überlassen werden darf.“ In einem Aufruf bringt das Protestbündnis in Marburg seine Kritik auf den Punkt: „Asklepios ist dafür bekannt, Abteilungen zu schließen, die nicht genug Profit abwerfen und das Personal so weit zu reduzieren, wie es nur geht – trotz schon lange bekanntem Personalmangel in der Pflege.“ Die Kinderstation in Parchim ist also kein Einzelfall. Der Wahnsinn hat bundesweit Methode.

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