Stationen im Leben des revolutionären Philosophen. Von Barmen über Manchester nach London

Friedrich Engels, der politische Denker und Revolutionär, liebte Eastbourne. Wenn er Urlaub in dem südenglischen Seebad machte, mietete er am Cavendish Place ein Haus nahe dem Pier, das heutige Afton Hotel. Von dort wanderte er drei Meilen entlang der Küste zum Kreidefelsen Beachy Head. Dessen Klippen bieten eine spektakuläre Sicht auf die Seven Sisters, eine Kette weiterer Kreidefelsen.

Beachy Head hält zwei Rekorde: Es ist Großbritanniens höchster Kreidefelsen und der Ort, an dem sich die meisten Briten das Leben nehmen. Auch Engels’ sterbliche Überreste liegen vor dem Felsen im Meer – allerdings stürzte er sich nicht die Klippen hinab. Er starb an Speiseröhrenkrebs, am 5. August 1895 in London. Seine letzte Ruhe fand er in der englischen See – am Ende eines bewegten Lebens, welches 74 Jahre zuvor und 500 Kilometer weiter östlich begonnen hatte.

Als Friedrich Engels am 28. November 1820 in Barmen (heute zu Wuppertal gehörend) zur Welt kam, ahnte niemand, dass ein Revolutionär geboren wurde. Im Gegenteil: Engels war kein Proletarier, er war Sohn einer hochangesehenen Fabrikantenfamilie. Deren Anwesen erstreckte sich südlich der Wupper bis zum heutigen Stadtpark Engelsgarten. »Wohl nie wurde in einem solchen Hause ein Sohn geboren, der mehr aus der Art schlug«, stellte Eleanor Marx später fest. Allerdings: Engels hatte auch von klein auf Kontakt zu den Arbeitern.

An Engels Geburtshaus, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, erinnert heute nur noch ein Gedenkstein. Gegenüber, an der Engelsstraße, sind zwei Wohnhäuser erhalten. Seit 1970 beherbergt das Engels-Haus, in dem der Gelehrte aufwuchs, ein Museum. Am 200. Geburtstag wird es mit einer neu installierten Dauerausstellung – aufgrund der Pandemie vorerst virtuell – wiedereröffnet. Zwischen Gedenkstein und Museum steht seit 2014 ein 3,85 Meter hohes und 868 Kilogramm schweres Geschenk aus China: eine Bronzeskulptur des sinnierenden Philosophen, gefertigt vom Präsidenten des Chinesischen Instituts für Bildhauerkunst, Zeng Chenggang.

Engels verlässt Barmen

Mit 17 Jahren ging Engels 1838 nach Bremen, um eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. In der Martinistraße 27 erinnern heute Schautafeln an diese Zeit. »Unter dem Pseudonym Friedrich Oswald verfasste er zahlreiche Essays und Artikel für führende deutsche Zeitungen«, heißt es dort auf Deutsch, Englisch und Chinesisch.

1841 leistete Engels für ein Jahr Militärdienst in Berlin. Karl Marx hatte die Stadt wenige Monate zuvor verlassen, die beiden verpassten sich knapp. Dennoch: Die fast vier Meter hohe Bronzeplastik, die Teil der 1986 errichteten Denkmalanlage des Marx-Engels-Forums an der Spree ist, zeigt sie gemeinsam. Seine Zeit außerhalb der Kaserne verbrachte Engels zumeist in Kneipen und Cafés. Immer dabei: sein Hund. »Wenn ich ihm sage: Namenloser (so heißt er), das ist ein Aristokrat«, schrieb Engels in einem Brief an seine Schwester, »so wird er grenzenlos wütend gegen den, den ich ihm zeige, und knurrt scheußlich.«

Auch zog es Engels als Gasthörer in den Hörsaal Nummer 6 der heutigen Humboldt-Universität, wo Hegels Philosophie schwer angesagt war. Zuvor hatte schon Marx dort studiert. Nach dem Wiederaufbau des Foyers ließ die SED 1953 die elfte Feuerbach-These im Treppenaufgang des Hauptgebäudes anbringen: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.« Marx hatte die Thesen verfasst, Engels redigierte und veröffentlichte sie 1888 als Anhang seiner Schrift »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«.

Nachdem Engels den Militärdienst abgeleistet hatte, begab er sich nach Manchester. Sein Vater hatte dort 1837 die Baumwollspinnerei »Ermen und Engels« mitgegründet und ließ in der Folge als Teilhaber eine Textilfabrik unter diesem Namen in Engelskirchen errichten – heute ein Industriemuseum. Friedrich setzte seine Ausbildung in Manchester fort und schrieb auch weiterhin Artikel, zwei schickte er nach Paris an den Herausgeber der Deutsch-Französischen Jahrbücher, Karl Marx. Im Sommer 1844 legte Engels auf einer Heimatreise dann einen folgenreichen Zwischenstopp in der französischen Hauptstadt ein.

Freundschaft beginnt

Das imposante Gebäude des Pariser Hôtel du Louvre liegt wenige Meter entfernt vom gleichnamigen Museum. Im Erdgeschoss an der Rue Saint-Honoré 155 befindet sich heute eine Buchhandlung. Im 19. Jahrhundert war dort das legendäre Café de la Régence, wo es sich schon Rousseau und Voltaire gutgehen ließen.

Am 28. August 1844 trafen sich dort Marx und Engels – einem Apéritif folgte der nächste. Engels blieb anschließend zehn Tage in Marx’ Wohnung an der Rue Vaneau 38 – das Haus ist auch heute noch erhalten. Dort tranken und rauchten sie, diskutierten und begannen mit der Arbeit an ihrer ersten gemeinsamen Schrift »Die Heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik«. Später erklärte Engels, dass sich in dieser Zeit ihre »vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten« herausstellte. Ein halbes Jahr nach ihrem Treffen im Café de la Régence verwiesen die Franzosen Marx des Landes, seine Artikel waren zu kritisch. Er ging nach Brüssel. Engels folgte wenig später.

Das Architekturensemble des Grand Place im Zentrum Brüssels zählt heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ein reichverziertes Gebäude sticht besonders hervor, über der Tür befindet sich ein großer Schwan: Le Cygne – damals Kneipe, heute Edelrestaurant. Es gibt mehrere Gedenktafeln, zwei erinnern an Marx. Die beiden Revolutionäre hatten dort den Deutschen Arbeiterverein gegründet. In Brüssel verdingten sich damals viele deutsche Arbeiter – und mit denen wurde im Le Cygne jeden Mittwoch diskutiert. Sonntags wurde gefeiert und getrunken.

Auch an Marx’ Brüsseler Wohnung erinnert eine Gedenktafel an ihn, zwei Kilometer südlich vom Grand Place an der Rue Jean d’Ardenne 50. Was auf der Tafel allerdings nicht steht: Marx und Engels verfassten im Winter 1847/48 in dem Haus das Kommunistische Manifest. Die Vorhersage in der berühmten Schrift, dass »Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht«, sollte sich schon bald bewahrheiten.

Die Revolution von 1848/49 brach aus, und Marx und Engels gingen nach Köln, um die Neue Rheinische Zeitung zu gründen. Sie wurde zu einem der »bedeutendsten Blätter der demokratischen Bewegung in der Revolution«, wie es auf einer Gedenktafel am Heumarkt 65, dem damaligen Sitz der Zeitung heißt. Aufgrund der revolutionären Haltung wurde die Redaktion jedoch regelmäßig von den Behörden schikaniert. Das gipfelte in Marx’ Ausweisung. Die Zeitung war am Ende. Im Mai 1849 erschien die letzte Ausgabe – komplett in Rot gehalten. Die Redaktionsräume wurden im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört.

Marx floh nach London. Engels zog es in seine Heimat: Der Elberfelder Aufstand war ausgebrochen. Ein revolutionärer Sicherheitsausschuss kontrollierte Teile des heutigen Wuppertals. Engels stellte sich dort mit zwei Kisten Patronen vor. Er übernahm die Aufgabe, die Barrikaden in der Stadt zu begutachten und Stellungen der Artillerie zu positionieren.

Über die Teilnahme von Engels am Elberfelder Aufstand gibt es mehrere Legenden: Eine besagt, dass er gerade die Artillerie auf der Haspeler Brücke kommandierte, als sein streng religiöser Vater beim Gang zur Kirche vorbeikam. Der angesehene Fabrikant soll ziemlich entsetzt gewesen sein, als er seinen radikalen Sohn erblickte. Einer anderen Legende nach hat Engels auf den Barrikaden die schwarz-rot-goldene Fahne durch die rote ausgetauscht. Ob das so stimmt oder nicht – der Sicherheitsausschuss war von seiner kommunistischen Gesinnung wenig angetan: Engels wurde aus der Stadt geworfen. Anschließend schloss er sich in Baden der Revolutionsarmee an und nahm an vier Gefechten teil, bevor die Revolution auch dort niedergeschlagen wurde.

Engels in Manchester

Der ältesten öffentlichen Bibliothek Großbritanniens sind ihre 367 Jahre anzusehen. Betritt man Manchesters Che­tham’s Library am Long Millgate, flößen die rund 100.000 Bücher in den alten Regalen sofort Ehrfurcht ein. An der rechten Seite befindet sich ein Leseraum. In einem kleinen Erker liegen Bücher englischer Nationalökonomen, dazu ein Hinweis, wer sie dort gelesen hat: Karl Marx und Friedrich Engels.

ls lebte mehrfach in »Cottonopolis«, wie Manchester als Zentrum der Baumwollindustrie genannt wurde. Als er Anfang der 1840er Jahre zum ersten Mal in der Stadt wohnte, um seine Ausbildung fortzusetzen, lernte er seine langjährige Partnerin Mary Burns kennen. Die irische Arbeiterin zeigte Engels die Arbeiterslums von Manchester und Salford. Seine Einblicke beschrieb er in seiner Schrift »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«. Das Buch wurde zu einem Pionierwerk der empirischen Sozialforschung.

»Der abscheulichste Fleck«, heißt es dort, war »Little Ireland«. Südlich der Innenstadt von Manchester, an der Great Marlborough Street Nummer 8, erinnert heute eine Plakette an den ehemaligen Slum. Am Salisbury-Pub, eine Straßenecke daneben, gibt es eine weitere. Ein paar Schritte entfernt, an der First Street, steht eine Friedrich-Engels-Statue aus der ehemaligen Sowjetunion. Der englische Künstler Phil Collins, nicht zu verwechseln mit dem Musiker, trieb das Denkmal in der Ukraine auf – in zwei Hälften geteilt und mit Farbe beschmiert. Er holte die Statue nach Manchester, da die Stadt eine herausragende Rolle im Leben von Engels spielte.

Nach dem Ende der Revolution von 1848/49 kehrte Engels für zwei Jahrzehnte nach Manchester zurück. In der dortigen elterlichen Firma war er zunächst Prokurist, dann Teilhaber. Mit seinem Gehalt unterstützte er Marx, damit dieser »Das Kapital« schreiben konnte. Engels führte ein Doppelleben: Als Fabrikant ging er in den Wäldern von Cheshire zur Fuchsjagd, als Kommunist verkehrte er in den Arbeiterslums von Manchester und Salford. Dort existiert heute auch das skurrilste aller Engels-Denkmäler: An der Universität steht eine Kletterwand in Form seines Kopfes.
1863 starb Mary Burns. Engels schrieb an Marx: »Ich kann dir gar nicht sagen, wie mir zumute ist. Das arme Mädchen hat mich mit ihrem ganzen Herzen geliebt.« Doch Engels kam über ihren Tod hinweg. Marys jüngere Schwester Lydia wurde seine neue Lebensgefährtin.

Ein letzter Besuch

Engels verkaufte 1869 seine Firmenanteile und zog wenig später mit Lydia nach London in die Regent’s Park Road 122 – nur ein paar Straßen entfernt von Marx. An dem guterhaltenen Wohnhaus im edlen Stadtteil Primrose Hill erinnert heute eine Plakette an den »Political Philosopher«. Im Herbst 1878 lag auch Lydia im Sterben. Ein Pfarrer eilte herbei. Der reiche Fabrikantensohn und die irische Arbeiterin heirateten, einen Tag später verstarb sie. Lydia wurde auf dem St. Mary’s Catholic Cemetery in Kensal Green beerdigt. Der Grabstein trägt die Inschrift »Wife of Friedrich Engels«.

In London besuchte Engels täglich seinen Freund Marx. Der Weg war nur einige hundert Meter lang, führte vom edlen Primrose Hill über eine Eisenbahnbrücke nach Kentish Town. Spaziert man die Strecke heute nach, sieht man noch immer, wie sich die Wohngegend im Verlauf des Weges verschlechtert. Die beiden gingen in Marx’ Arbeitszimmer, für ein Bier zum Lord Southampton oder zum Jack Straw’s Castle – oft spazierten sie auch zum Hampstead Heath, dem großen Park im Norden Londons.

Am Nachmittag des 14. März 1883 kam Engels zu seinem letzten Besuch. Kurz bevor er das Zimmer betrat, war Marx ruhig in seinem Sessel entschlummert. Eine Plakette an einem Sozialbau an der Maitland Park Road 98 erinnert heute an seinen Tod, auf dem High­gate Cemetery steht sein großes Grabmal. Sein Freund hielt die Grabrede: »Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk!« Und dafür wollte Engels selbst sorgen. Er begann in der Regent’s Park Road 122 den Nachlass von Marx zu ordnen und aus den Manuskripten den zweiten und dritten Band des Kapitals fertigzustellen.

1894 zog Engels ein paar Häuser weiter in die Regent’s Park Road 41. Ihm blieben nur wenige Monate in dem neuen Domizil. Friedrich Engels starb am 5. August 1895. Er hinterließ ein beachtliches Vermögen und den Keller voll Wein. Am Bahnhof London Necropolis nahmen rund achtzig Personen Abschied von Engels. Der Totenzug fuhr zum Krematorium von Woking.

Westlich von Eastbourne steigen die Klippen entlang der Küste allmählich an. 162 Meter messen sie beim Kreidefelsen Beachy Head. Der 27. August 1895 war ein stürmischer Tag. Eleanor Marx und ihre Genossen ruderten durch die schroffen Wellen des vor den Klippen gelegenen Ärmelkanals. Etwa fünf bis sechs Seemeilen vor Beachy Head stoppten sie das kleine Ruderboot: Die vier Sozialisten ließen die Urne mit der Asche von Friedrich Engels in die Tiefen der englischen See gleiten.

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