Basta >>La Cultura<<

Als die Seuche immer mehr Opfer forderte, war politisches Handeln geboten. Also wurden alle Bühnen, Restaurants und Clubs dichtgemacht. Gesundheitsbewusste Menschen verstanden den Sinn dieser Maßnahme: Man musste die Mobilität des Publikums verringern, die Leute sollten zu Hause bleiben. Sie sollten einsehen: Der Weg zu den Vergnügungsstätten war gefährlich, der Virus lauerte überall, und am Ende des Weges fand sowieso nix statt.

Leute mit fortgeschrittener Synapsen Verödung konnten diesem Gedankengang nicht folgen: Sich unverwundbar dünkende Seuchenleugner und Desinfektionsignoranten füllten die Gassen, rücksichtslos hustende Maskenverweigerer besetzten alle Parkbänke, pubertäre Eckensteher veranstalteten das, was sie feiern oder Cornern nannten, trostlos dämliche Reichsbannerträger rotteten sich zusammen, autoritäre kleine Trumps, Höcke-Apostel, imbezile Verschwörungstheoretiker, intellektuell verschlissene Querdenker und viele vernagelte Mitläufer sorgten auf den Partymeilen für eine rasante Ausbreitung der Seuche, und mit Vorliebe proklamierten sie bei ihren voluminösen Hochzeits- und Geburtstagsfesten ein Menschenrecht auf Ansteckung.
 
Ganz schlimm aber traf es die ihrer Auftrittsmöglichkeiten beraubten Künstler und das dazu gehörende Backstage-Personal. Die standen vor der Frage: Wovon soll ich meine Miete bezahlen? Die Kinder füttern? Mein Auto betanken? Raten abstottern? In Urlaub fahren? Die Krankenkasse bezahlen?
Tausende wussten nicht mehr weiter… Einst starteten sie als junge Menschen ihre hoffnungsvollen Karrieren, weil sie „ein freies Künstlerleben“ führen wollten, weil sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten ausrechneten, weil sie auf keinen Fall als spießige Staatsbedienstete oder Angestellte enden wollten. Und nun dieses Flehen aus tiefster Not: „Rettet die Kultur! Hilfe, die Kultur bricht zusammen!“
 
Aber kaum jemand fleht ehrlicherweise: „Hilfe, ich bin pleite, rettet meinen Lebensstandard!“
 
Allenthalben erhob man Forderungen gegen den Staat, er müsse die Kultur retten, indem er dem Künstlervolk einen Einkommensausgleich bot. Manche Kleinkünstler wollten am liebsten sofort zu Kleinkunstbeamten befördert werden, Musiker zu Instrumentalangestellten, Sänger zu Vokalexperten mit Beratervertrag. Und als der Trompeter Till Brönner einmal nicht trompetete, sondern mit seinen Gedanken an die Öffentlichkeit trat, erfuhr man aus seinem Munde: „Wenn ein ganzer Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutz der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass diese Menschen auch nach Corona noch da sind. Oder was habe ich übersehen? Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld II anbieten?“ Till Brönner hat so ziemlich alles übersehen, und leider hat es die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali im Interview unterlassen, mal kritisch nachzufragen…
 
Wäre ich der deutsche Finanzminister, würde ich dem Trompeter Folgendes in die Partitur schreiben: „Was spricht eigentlich dagegen, auch der Veranstaltungsbranche den vom Staat vorgesehenen Notgroschen anzubieten? In Deutschland leben rund 4 Millionen Menschen von Hartz IV. Sind Sie, Herr Brönner, was Besseres?
 
Unser Staat liebt die Kultur, keine Frage, vor allem die Hochkultur – er finanziert sogar Opernhäuser von den Lohnsteuern derer, die gar nicht in die Oper gehen, und er subventioniert auch Jazzfestivals oder die Tragödie des Schwarzafrikaners Othello im Staatstheater – das ist eben unser demokratisches System: Demokratie mit menschlichem Antlitz! Doch unsere Kultur besteht nicht nur aus Spiel, Musik und Tanz, Malerei, und Speis’ und Trank. Kultur ist die gesamte Lebensweise eines Volkes. Die klassischen Kulturen in Ägypten, Griechenland und Rom sind mitsamt ihren bewundernswerten Kulturdenkmälern entstanden aus Kriegswirtschaft, einer mörderischen Sklavenwirtschaft und einer ausbeuterischen Bauwirtschaft. Unser moderner Kulturstaat hingegen sieht seine vornehmste Aufgabe darin, Industrie und Konzerne, Landwirtschaft und Banken zu pflegen. Unsere Kulturdenkmäler bestehen aus Stahl, Beton und Plastik…Und sind vermutlich noch dauerhafter als die Akropolis“.
 
(Was sonst noch zu dieser unserer modernen Kultur gehört, unterschlägt der Finanzminister gewissenhaft: Wir sind von barbarischer Fremdenfeindlichkeit, wir lassen ungerührt Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, wir pferchen nachts acht Leute, die wir tagsüber mit der Herstellung minderwertigen Fleisches ausbeuten, in einem miesen kleinen Zimmer ein, wir lösen unsere gesellschaftlichen Probleme vorzugsweise mit Gewalt, wir sind rassistisch oder antisemitisch, und wir bedrohen wegen einer Polizei-Satire missliebige Journalistinnen mit der Strafjustiz. Wir fördern die Rüstung, wir beliefern Terroristen mit Waffen, wir führen Kriege und singen dazu „Ich bete an die Macht der Liebe“. Es ist eine Schlachthof-Kultur, gesponsert von Schweinebaronen…)
 
Weiter schreibt der Finanzminister:
 
„Unser demokratisches System hat erwiesenermaßen auch die eher alternative Kultur im Blick – also Pantomimen, Witzeerzähler, Liedermacher, Alphornbläser, Zauberkünstler, a-capella-Gruppen, DJs, Puppenspieler, Folkbands und sogar Kabarettisten, selbst, wenn sie in der Vergangenheit noch so oppositionell auftraten. Kulturzentren und andere Veranstaltungsräume werden am Leben erhalten, gelegentlich gibt’s sogar Produktionszuschüsse, die Künstler haben ihre ZBF, GEMA und GVL im Rücken, und die gesetzliche Sozialhilfe steht ihnen zur Verfügung. Das alles ist großartig und beweist den Primat des Humanismus in unserer Politik.
 
Wir leben nicht mehr im Mittelalter, wo ein Hofpoet oder Musikus oder Gaukler oder Hofnarr, der bei seinem Fürsten in Ungnade fiel, sofort vom Hungertod bedroht war. Die Branche hat seit Til Eulenspiegel-Zeiten erhebliche Fortschritte gemacht. Für das Kunstgewerbe der Gaukler, Musikanten, Mimen und Possenreißer ist ein Überlebens-Minimum gesichert. Aber eben nur das Minimum. Und dieses Minimum entspricht dem Stellenwert der Kunst in unserem Staat: Kunst hat eine dienende Funktion, sie dient dem Wohlbefinden, Kunst ist Girlande, hält die Untertanen bei Laune, Kunst ist meinetwegen auch Seelenbalsam, aber vor allem ist sie ein lukrativer Werbeträger. Kunst lohnt Investitionen, so lange sie sich als profitabel erweist. Ist sie das nicht, wird sie von Sponsoren und anderen Kulturträgern selbstverständlich als finanzielle Einbuße betrachtet und nicht als geistiger Mehrwert. Künstler müssen also wissen: Ihre Ideale von Kultur und ihr demokratisches Selbstverständnis entsprechen keineswegs immer den Bedürfnissen des wirtschaftlichen Aufschwunges und der Konjunktur. Insofern ist es durchaus zutreffend, wenn zwei junge Damen in einer ZDF-Kabarett-Sendung immer wieder singen „Wir sind nicht systemrelevant“: Sie sind es wirklich nicht.
 
Als Finanzminister sage ich Ihnen, der Lebensstandard der Kunstschaffenden ist abhängig von unserer gesamtwirtschaftlichen Situation, und sie sollen mal dankbar sein, dass sie sich in den Jahren vor dieser Corona-Seuche in ihrem ganz privaten, von staatlicher, gewerkschaftlicher, umweltschützerischer Einmischung befreiten, völlig eigenverantwortlichen Bereicherungssystem häuslich einrichten konnten. Es tut mir leid, wenn Künstlerinnen und Künstler nun bitterlich enttäuscht sind von unserer Demokratie. Ich verstehe das, denn sie haben natürlich nicht erwartet, dass unser Staat sie absolut demokratisch gleich behandelt wie andere aus dem sozialen Netz Gefallene auch – Obdachlose, Langzeitarbeitslose, chronisch Kranke oder die arbeitslosen alleinerziehenden Mütter…
 
Und wenn ich nun aus Künstlerkreisen daran erinnert werde, dass auch die Veranstaltungsbranche Steuern bezahlt und deswegen gerechterweise vom Staat alimentiert werden muss, genauso wie die Lufthansa oder die wegen der Abschaltung ihrer Betriebe notleidenden Betreiber von Atomkraftwerken, entgegne ich ihnen: Haben Sie immer noch nicht begriffen, in was für einer „marktkonformen Demokratie“ (Merkel) Sie leben? Nie was von Ich-AGs gehört? Nix mitgekriegt von der sich stetig weiter öffnenden sozialen Schere, und wie das bei uns gehandhabt wird mit der Verteilung des Reichtums? Wer hier Anspruch auf Steuersenkungen hat und wer nicht? Und nun erwarten Sie, der Staat soll Ihnen wenigstens teilweise Ihr Steuer-Geld wiedergeben, das er dringend für Landwirtschaft, Straßenbau, Gesundheitssystem, Rüstung und andere Investitionen benötigt? Sie kommen diesem Staat also mit einem moralischen Ansinnen: Gerechtigkeit! Genauso erfolgversprechend könnten Sie einen Karnickelbock auf’s Zölibat verpflichten. Tja.
 
Ich will Ihnen mal ganz ehrlich was sagen: Eine allseits akzeptable Demokratie ist in einem kapitalistischen System nicht möglich… Und wenn Sie nun nicht wissen, wie es weitergeht, kann ich ihnen jetzt schon verraten: Wir sozialdemokratischen Finanzpolitiker werden der Allgemeinheit bei den nächsten Haushaltsberatungen auf Druck der Christenunion vorrechnen, dass die Kürzung aller Kulturetats unumgänglich ist und die Gelder für kulturelle Einrichtungen drastisch zusammengestrichen werden müssen. Daraufhin wird sich unsere bürgerliche Demokratie zähneknirschend, aber bereitwillig, großer Teile ihrer als überflüssig erachteten Kultureinrichtungen entledigen, um wirklich wichtige Kapitalanlagen zu retten.
 
Zur Aufmunterung unserer Kulturschaffenden sei aber auch gesagt: Letztendlich wird das Publikum für sie sorgen. Nach 1945, mitten im schlimmsten gesellschaftlichen Zusammenbruch, brachten kunsthungrige Menschen ihren Künstlern als Eintritt beispielsweise zwei Kartoffeln oder ein Brikett an die Bühne, weil sie ihren Lessing kannten, der schrieb: Die Kunst geht nach Brot…
 
Herzliche Grüße und alles Gute!
Ihr Freund Olaf, der Finanzminister.“
 
Summa summarum: Jeder soziale Ausgleich stört die Reichen beim Reicher werden.

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