Über mich

Winfried Heinzel allgemein

Ein Linker aus dem Brohltal im 21. Jahrhundert.

1953 wurde ich in Schwelm/Westfalen geboren. Hier bin ich aufgewachsen. Eine meiner frühen Bekanntschaften durch das Möbelhaus Siepmann in Schwelm war die etwas ältere Tochter Ingrid.  Es war damalig in Schwelm einer der ersten Möbelhäuser, wo meine Eltern auf Raten Möbel kaufen konnten. Ich verließ die Schule, welche Volksschule hieß und machte eine Lehre als Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Das Jahr 1968 habe ich besonders in Erinnerung. Der  Besuch von Ingrid in Schwelm prägte später mein Leben, denn sie war mittlerweile politisch in West-Berlin aktiv und lud mich zu ihr und ihrem Mann auf einer Demo mit Rudi Dutschke ein, mitzumachen. Damals war ich 15 Jahre alt und durch Ingrid politisch beeinflusst – empfand ich diese Zeit auch als Ausbruch aus den vorgezeichneten Bahnen. Ich ging mit auf Demonstrationen und beeinflusst dadurch habe ich den Kriegs- und Wehrdienst verweigert. Ingrid wollte dass ich zu ihr nach West-Berlin ziehen sollte, denn West-Berlin war seinerzeit zum Anziehungspunkt für viele Kriegs- und Wehrdienstverweigerer die Top Adresse. Jedoch durch drängen meiner Mutter und meines Onkels entschied ich mich für den Ersatzdienst als Kriegs- und Wehrdienstverweigerer, zu dem ich mich in Schwelm bei der Freiwilligen Feuerwehr verpflichtet hatte, diesen abzuleisten. Ingrid akzeptierte es und politisch trennten sich unsere Wege. Ingrid engagierte sich politisch noch viel stärker. Beeinflusst durch das Attentat auf Rudi Dutschke zog sie mit ihrem neuen Freund (sie hatte sich von ihrem Mann getrennt) in die „Kommune 1“ in West-Berlin ein.

Ich möchte hier nochmals an Ingrid Siepmann erinnern, sie war eine selbstbewusste politisch starke Frau, die sich jedoch von den vielen Strömungen sowie auch den Drogen beeinflussen ließ.

Radikalenerlass von 1972, Nazis rein, Linke raus!

Während meiner beruflichen Laufbahn im öffentlichen Dienst spürte ich den größten Fehler Willy Brandts, dem Radikalenerlaß (Extremistenbeschluss / Berufsverbot) zuzustimmen, am eigenen Leibe.

Ein Jahrzehnt lang ebbten die Wogen der Erregung über den Radikalenerlass des Jahres 1972 nicht ab. Vordergründig zielte er darauf, den verschwindend kleinen Kreis von DKP-Mitgliedern aus dem öffentlichen Dienst fernzuhalten. Doch fühlte sich nicht nur eine Minderheit, sondern mit ihr ein Großteil der Protestgeneration (zu der ich auch gehörte) getroffen und ausgegrenzt. So überschattete der Streit um die „Berufsverbote“ die Regierungszeit der sozialliberalen Koalition bis 1982. Bis Ende der achtziger Jahre mussten sich 3,5 Millionen Bewerber für den öffentlichen Dienst auf ihre Gesinnung überprüfen lassen, rund 10.000 „Berufsverbote“ wurden ausgesprochen. Obwohl Brandt beteuert hatte, seine Regierung wolle sich den kritischen jungen Leuten öffnen, hatte Willy Brandt dem Erlass nach langem Zaudern zugestimmt. Ein großer Fehler, wie er später einräumte.

Ich wurde Mitglied nacheinander beruflich bedingt bei den Gewerkschaften Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), der GDP, der HBV sowie zum Schluss auch Ver,di.

Ich fragte, wer die Nazis 1933 an die Macht brachte, warum keine und keiner mir etwas über Auschwitz erzählte und wieso in der Bonner Republik überall ehemalige Mitglieder der NSDAP in öffentlichen Ämtern anzutreffen waren. Sie konnten sogar Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und sogar Bundespräsidenten werden – siehe Kurt Georg Kiesinger, Hans Filbinger, Karl Carstens.

Ich kann von mir behaupten, einer rebellischen Jugend (68er Zeit mit Rudi Dutschke, Fritz Teufel usw.) mit Aktionen gegen damalige herrschende Gesellschaftsbedingungen angehört zu haben. Auf eines haben wir damals, in den Ende Sechzigern und frühen Siebzigern, durchaus geachtet: was mit unserer Freiheit geschieht. Wir wären niemals auf den Gedanken gekommen, unsere Freiheit selbst einzuschränken, dem Staat auch noch dabei zu helfen, uns zu überwachen. Auch als Nachkriegskinder, haben wir die Zeit der Diktatur nie erlebt. Vielleicht waren wir deshalb so sensibel gegen eben jene Methoden der Diktatur, die heute von immer mehr Menschen als selbstverständlich angesehen werden.

Ich war darum dabei, als die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit den Studierenden diese Fragen in der Öffentlichkeit laut und deutlich stellten, gegen den Krieg der USA in Vietnam protestierten und Sozialismus forderten. Ich fand mich in Zirkeln wieder, die gemeinsam lasen, diskutierten und Party machten. Die Beatles, die Stones und CCR lieferten den Soundtrack dazu. Immer waren Menschen aus dem linken Milieu um mich herum. So wurde ich 1972 erstmalig SPD Mitglied, gleichzeitig wurde ich um den linken Flügel innerhalb der SPD politisch aktiv. Wenn mich meine bisherigen Freundinnen und Freunde oder meine Kumpels ungläubig fragten: „Du in der SPD?“ sagte ich: „Ich werde diese Partei mit verändern!“. Ich kündigte meine Mitgliedschaft nach zehn Jahren.

Sie veränderte mich. Mein Freundeskreis veränderte sich. Urgesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus. Geschichte wird gemacht. Ich half nebenbei einem Bekannten in seiner Buchhandlung aus und lernte so mehr über Friedrich Engels und Karl Marx. Dann wechselte ich den Aufgabenbereich. In Betrieben mit Angestellten mangelte es an sozialistischen-Betriebsgruppen und -Mitgliedern. Mit vierunddreißig war ich Vater von zwei Söhnen – da traf es sich gut, dass ich die betriebsratliche und auch politische Arbeit unter den Angestellten entwickeln sollte. Schließlich gab es in der freien Wirtschaft, in der ich nun arbeitete, 13 Gehälter, sechs Wochen Urlaub, Gleitzeit und eine gute Kantine. Soziale Sicherheit.

Die Politik blieb Teil meines Lebens. Ob in der Elterninitiative oder im Vorstand eines Sportvereins – immer arbeitete ich ehrenamtlich in und mit der Gesellschaft. Später wurde ich in der LINKEN aktiv und wurde seit 2013 Mitglied in der Partei DIE LINKE. Seit 2014 bin ich Kreisschatzmeister des Kreisverbandes meines Wohnortes.

Über die Jahre habe ich gelernt, dass jeder Lebensentwurf gelebt werden darf, selbstbestimmt und frei. Frei von der Angst um die Zukunft. Frei von der Angst um soziale Sicherheit, frei in allen Rechten. Und immer frage ich mich, ob es nicht besser, gerechter, anders geht – und was für die Menschen und auch für mich in meiner Stadt dabei herum kommt. An allem ist zu zweifeln. Ich bin ein Linker aus dem Brohltal im 21. Jahrhundert.

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