Occupy the Organs

Das Thema des Tages ist heute das neue Transplantationsgesetz das am 01. August 2012 in Kraft tritt.

Sie haben sich sicherlich nicht mehr gewundert, dass Sie Post von Ihrer Krankenkasse bekamen und darin aufgefordert wurden, Ihre Bereitschaft zur Organspende zu erklären. Diese Lösung zur Behebung des Organspendermangels soll nämlich ins Gesetz geschrieben werden. Zum ‚Ja‘ gezwungen wird niemand, heißt es, „aber gut wäre es doch – die Bürger sollen sich zur Organspende bekennen“, das ist auf STERN- Online zu lesen. Nach knapp fünf Jahren Ruhe an dieser Front hat Herr Steinmeier (SPD), der seiner Frau eine Niere spendete, das Thema wieder auf die Tagesordnung gehoben.

Vorher also trommeln, posaunen und vieles mehr … und nun das.

Nichts hat einen Wert in der kapitalistischen Welt – wenn nicht jemand dran verdienen kann so hat es mal ein kluger Kopf namens Karl Marx gesagt, und das stimmt!

Wenn nun also, in unserer noch viel kapitalistischeren Welt – menschliche Organe einen Wert haben, wenn man Herzen, Nieren, Leber, Hornhäute und wer weiß was nicht noch alles, statt sie nach dem Ableben des Patienten mit diesem dem Feuer oder der Erde zu übergeben, sie den für (Hirn-) tot Erklärten mit großem Aufwand entnimmt, dann kann man davon ausgehen, dass dies nicht aus lauter Nächstenliebe geschieht, sondern weil daran prächtig zu verdienen ist.

Durch die zunehmende Privatisierung von Krankenhäusern wächst der Druck, und es spielen kommerzielle Interessen eine immer größere Rolle. In einer Landschaft des Gesundheitswesens, in der längst nicht mehr nur die Chefärzte der von der Öffentlichen Hand finanzierten Kliniken ihr Schäfchen ins Trockene bringen, sondern die kommunalen und sonstigen staatlichen Krankenhäuser neben den privaten Kliniken kaum mehr zu finden sind, weil der Betrieb eines Krankenhauses für Investoren inzwischen zu einer lukrativen Geldanlage geworden ist, dann kann man nicht mehr nur davon ausgehen, dann kann man es als gesicherte Erkenntnis ansehen, dass Organtransplantationen, wie eine ganze Reihe anderer medizinischer Dienstleistungen auch, primär aus Gewinninteresse durchgeführt werden. Das Synergien durch so eine „Organfledderei“ entstanden war so sicher wie das „Amen in der Kirche“.

Nun schreit die Presse auf, weil herausgekommen ist, dass mit Organspenden Schindluder getrieben wurde. Warum greifen die Medien das auf? Warum wird so ein „Towabo“ um etwas gemacht, von dem man im Grunde wissen konnte, dass es in diesem Wirtschaftssystem eigentlich zwangsläufig dazu kommen muss, genauso, wie das Doping von Spitzensportlern einer wirtschaftlichen Zwangsläufigkeit folgt, mit der einerseits Fördermittel gesichert und andererseits die Chance auf einen jener vergoldeten Werbeverträge erst eröffnet wird, der letztlich das Ziel der Schinderei ist.

Der Aufschrei kommt auch meiner Meinung nur, weil diese Ärzte so ungeschickt vorgegangen sind, dass sie sich ertappen ließen. Weil dies einen Image-Schaden darstellt, der die eben erst mit großer Medienmacht angeschoben Kampagne zur vermehrten Organspende Bereitschaft und das eigens dazu erlassene Gesetz in seiner Wirksamkeit einschränkt, ein Gesetz, das uns nun regelmäßig mit Millionen von Briefen unserer Krankenkassen überschwemmen wird, in denen wir aufgefordert werden, uns doch endlich als Organspender zur Verfügung zu stellen.

Dazu kommt dann noch die ständig zutage tretende Kriminalität sobald der Faktor Geld im Spiel ist.  Während auf der einen Seite über Rationierung nachgedacht bzw. diese schon angewandt wird, soll die doch recht teure Transplantation von Organen ausgeweitet werden. Warum kommt mir da nur der Gedanke, dass hier der ärmere „unnütze“ Teil der Gesellschaft zum Ersatzteillager für die „Leistungsträger“ umfunktioniert werden soll. Es sind meistens globale Konzerne, welche Druck machen. Deshalb sind warnende Mahner wichtig.

Viele sind aus Gründen der Nächstenliebe bereit, ihre Organe zu spenden und tragen immer einen Organspenderausweis mit sich herum. Aber ist den meisten Menschen bekannt, dass auf den Organspende Ausweis eine dicke, fette Lüge stand. Dort stand, dass nach dem Tod die Organe entnommen werden dürfen. Nur – wen interessieren die Organe einer oder eines Toten? Es handelt sich eben nicht um Tote, sondern um Sterbende!

Darüber hinaus habe ich in Facebook mal gestöbert und dort eine Gruppe für Organspende entdeckt. Ist ja auch in Ordnung. Was da aber dort für „Radikalos“ rumrennen, erschreckt dann doch. Organspende Pflicht, Schelte aller, die nicht spenden wollen […] ich meine, ich wusste vorher, was da so kreucht und fleucht, aber manchmal ist die Phantasie ein fader Abklatsch der Realität – die Frechheit, die sich Mitmenschlichkeit nennt, kennt keine Grenze, sie würde auch den Menschen von seinen Körper enteignen.

Bekommen die Befürworter einer solchen Regelung ihr Gesetz, wird jeder Mensch, der in einer  lebensbedrohlichen Situation auf dem OP-Tisch landet, ganz automatisch zum potentiellen Ersatzteillager. Während der Unfallchirurg noch versucht, zu retten, was zu retten ist, sind die Organscouts schon alarmiert und checken, was noch zu brauchen ist, und zu wem es passen könnte. In einer Gesellschaft, in sogar die Notdurft kostenpflichtig ist, wird plötzlich der Altruismus bemüht.

Organtransplantation ist ein Geschäft. Ein gutes Geschäft. Das will man sich nicht kaputtmachen lassen, nur weil ein paar Teilnehmer an diesem Geschäft nicht genügend Vorsicht walten ließen.

Mit dem jetzigen Aufschrei der Presse das Schindluder betrieben wurde mit den Organen – mit der Empörung wird der Eindruck vermittelt, dass es sich

  • um den berühmten bedauerlichen Einzelfall handelt, und dass
  • so etwas nun ganz bestimmt nicht wieder vorkommen wird.

Und dass die Staatsanwaltschaft nun dem Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung nachgeht, verstärkt den Eindruck, dass das Saubermann-Image der Halbgötter in Weiß mit aller Macht wieder hergestellt werden muss, indem ein Exempel statuiert wird.

Die Diskussionen werden in der trockenen Metaphorik von Weltverbesserern jetzt wieder verstärkt vorgetragen. Muss aber deshalb die Praxis so umgeformt werden, dass aus den Menschen eine Art Rohstofflager wird? Organisches Humankapital?

Wo bleibt eigentlich die Ethik?

Ist es ethisch, den menschlichen Körper des Individuums im Sinne der „Volksgesundheit“ zu einem Gegenstand ernennen zu wollen, auf den in gewisser Weise die Allgemeinheit Anspruch hat? Ist es gut und richtig, dass der Mensch zum Abbaugebiet wird?

Denn wahr ist auch, dass man durchaus aneckt, wenn man sich nicht rundweg solidarisch mit „Occupy the Organs“! erklärt. Wie ein Verbrechen am Nächsten wird es manchmal aufgefasst, wenn man seinen toten Körper nicht ausgeplündert wissen möchte. Man sei doch dann tot, man brauche den eigenen Körper nicht mehr.

Nur – wen interessieren die Organe einer oder eines Toten? Es handelt sich eben nicht um Tote, sondern um Sterbende! Das Hirntod-Kriterium ist nicht unangreifbar, sondern massiv umstritten!

Die neue ethische Entscheidungssituation, der sich den verantwortlichen Arzt über kurz oder lang zu stellen haben wird, heißt – auf den Punkt gebracht – Selektion.

Das Entscheidungskriterium ist die Wirtschaftlichkeit. Nicht für den Staat und die Krankenkassen, sondern für die Nutznießer des Medizinbetriebes. Die Frage, von der das berufliche Fortkommen abhängt, wird künftig möglicherweise so lauten:

Lässt sich die Dividende unserer Aktionäre eher damit steigern, mehreren Organempfängern das Leben mit neuen Nieren, neuem Herzen, neuer Leber, neuer Lunge, neuen Inselzellen zu retten, und weiteren das Sehen mit neuen Hornhäuten zu verbessern – oder ist es dem Shareholder Value zuträglicher, einen potentiellen Organspender ganz zu lassen und ihm ein langes, aber wenigstens behandlungsintensives Weiterleben vor dem Tode mit schweren und schwersten Beeinträchtigungen (Querschnittslähmung, Koma irreversible Gehirnschädigung) zu bescheren?

Organe werden – bei hinreichender Verfügbarkeit – zwangsläufig zur Handelsware, unterteilt in Handelsklassen.

Bezeichnend ist ebenfalls, dass man den freilaufenden Organregalen – landläufig als Menschen bezeichnet – von keiner Seite aus eine umfassende Aufklärung zukommen lässt.

Weder die Vergabevereine (Eurotransplant, DSO) noch Krankenkassen und schon gar nicht die Politik informiert den zukünftigen Pflicht-Organ-„Spender“ darüber, dass mit dem gesetzlich verordneten Organhandel tüchtig Geld verdient wird.

Sei es die Pharma-Industrie, die den Organempfänger nach Erhalt „seines“ biologischen Ersatzteils oft lebenslang mit Medikamenten vor dem Verlust des Organs bewahren darf bzw. muss.

Die Vergabe- bzw. die Koordinationsvereine arbeiten in letzter Instanz auch nicht aus reiner Organ – Menschenliebe. Diese werden aus Kassenbeiträgen bzw. über eine Pauschale pro Organ finanziert.  Daher kann ich diesen Instanzen schon mal gar nicht die Nächstenliebe zusprechen.

Mit Masse macht man Kasse…

Und das zu guter Letzt die Politiker eine Zwangsverpflichtung für „Organspenden“ durchsetzen wollen, selbstverständlich nur zum Wohl ihres (Ersatzteil-) Volkes wundert mich kaum noch. Sicher sind noch lukrative Posten für systemkonforme Taschenfüll – Politiker – in dieser Branche frei.

Angesichts des Wahnsinns, dass Kinder, Arme, „Verbrecher“ (in China) und Flüchtlinge als Organ-Ersatzteillager missbraucht werden, lehne ich die Organspende rigoros ab. Da dreht sich bei mir der Magen um. Da kommt mir das kotzen. Nur in Ausnahmefällen – Spende für einen nahen Angehörigen – ist das für mich akzeptabel.

Es ist schon für mich kriminell, den Körper seines Nächsten als potenzielles Ersatzteillager anzusehen, auch wenn viele Menschen als so ein Lager gar nicht in Betracht kommen, weil sie selbst zerschunden sind.

Die Entscheidung wird – es ist anders gar nicht möglich – immer öfter gegen den Spender fallen, der sich nicht wehren kann, ausgeschlachtet zu werden.

Völlig unzureichend beleuchtet ist die Frage (cui bono), wer den Nutzen davon haben wird.

Es gibt meines Erachtens zwei große Gruppen, die ein ganz erhebliches Interesse an der staatlich garantierten Entnahmeberechtigung haben, nämlich:

Die Patienten – Menschen, deren Tod sich durch eine Organspende für Monate oder Jahre, eventuell sogar Jahrzehnte hinauszögern ließe, deren Krankheit geheilt oder eingedämmt werden könnte, also Menschen, bei denen dem Aufwand für die Transplantation ein mehr oder minder großer „Lebens-Wert“ gegenübersteht, der sich mit den Faktoren „gewonnene Lebensdauer“ und „gewonnene Lebensqualität“ sogar einigermaßen präzise und zweidimensional umschreiben ließe.

und die Transplantationsmedizin ist, wie fast alle Medizin, nicht nur Heilung und Linderung, sondern auch Geschäft.

Große private Klinikkonzerne und die wenigen noch im Besitz der Öffentlichen Hand verbliebenen Krankenhäuser haben in teure Einrichtungen und spezialisiertes Personal investiert und sind gezwungen, diese Kapazitäten auszulasten, wenn sie nicht von den Wirtschaftlichkeitsvorgaben der Gesundheitspolitik in die Insolvenz getrieben werden wollen.

Vitale Organe können nicht nach dem Tod gespendet werden. Der Körper des Spenders muss leben. Deshalb wird der Organspender auch bei der Entnahme narkotisiert (analgosediert). Mittlerweile werden auch von vielen Ärzten Hirntote nicht mehr als tot  bezeichnet. Wissenschaftler der Harvard Medical School wollen die Organentnahme als „justified killing“ bezeichnen. Das klingt zwar brutal, ist aber zumindest ehrlich.

Die Verfügbarkeit zusätzlicher Organe führt also direkt zu einer vermehrten Umverteilung gesunder Organe von unten nach oben.

Patienten und der Transplantationsbetrieb sind also maßgeblich daran interessiert, dass stets eine ausreichende Anzahl von Organen entnommen werden kann. Die Lobbyarbeit – auch stellvertretend für die Patienten – betreibt der Medizinbetrieb.

Das Interesse der potentiellen Opfer wird von niemandem vertreten.

Das Licht der Welt erblickt bedeutet, stets nützlich und voll verwertbar für „andere“ Menschen sein zu müssen.

Geboren, um Liebe zu schenken. Gelebt, um stets zu leisten. Gestorben, um ausgenommen zu werden?

Wir wären wohl eine sehr selbst verzehrende Spezies. Rücken weit ab von der Achtung vor dem Leben eines jeden Einzelnen selbst.

Doch wer verzehrt? Das sind scheinbar „andere“. Demzufolge gibt es wohl eher „Menschen“ und „Andere“, statt Menschen und andere Menschen, oder nicht?

Sich selbst ausreichend Würde schenken, als kompletter Torso seiner eigenen Beerdigung beiwohnen zu wollen, begreift man als gesinnungsterroristisch, als Anschlag auf die allgemeine Medizin und auf den Anspruch der Allgemeinheit, möglichst lange und gesund leben zu wollen.

Dass der verstorbene Körper einen selbst gehört, das will man als Anachronismus verstehen.

Was in der Wirtschaft bis aufs Blut verteidigt wird, soll bei Individualrechten nicht mehr sein dürfen.

Wenn schon eine neue gesetzliche Regelung gebraucht wird, dann lautet mein Vorschlag dazu:

Nur derjenige, der sich eine ausreichend lange Zeit vorher selbst bereit erklärt hat, seine Organe zu spenden, hat im Bedarfsfall ein Anrecht auf ein Spenderorgan.

Wer selbst nicht bereit war, sich bei Zutreffen der jeweils gültigen Kriterien für den Hirntod in noch brauchbare Einzelteile zerlegen zu lassen, der hat auch kein Recht, sich über Organspendermangel zu beklagen. In diesem Lichte betrachtet, bekommt übrigens die alttestamentarische Lehre

    • Auge um Auge, Zahn um Zahn

eine völlig neue, gar nicht uninteressante Bedeutung.

Dass der Staat versucht, uns auf diese Weise per Gesetz zum Narren zu machen, sollte eigentlich auf mehr und kräftigeren Widerspruch stoßen.

Solange die gesamte Gesellschaft keinen anderen Wertekanon mehr gelten lässt, als den individuellen Egoismus mit allen Mitteln schamlos – und jeder gegen jeden – auszuleben, so lange ist ein Narr, wer – in Anlehnung an die neutestamentliche Aufforderung – schlägt dich einer auf die linke Wange, so halte ihm auch die rechte hin – bereit ist, seine Organe Stück für Stück und ohne Gegenleistung herzugeben. (aus Christine Bauer-Jelineks Buch „Die geheimen Strategien der Macht – und die Illusionen der Gutmenschen“).